Vienna City Marathon 2011 – Zu langsam! Die „3:01-Hölle“?

Wie und vor allem an welcher Stelle soll ich denn da überhaupt anfangen? Einem solch geilen Treffen kann ich mit Worten gar nicht gerecht werden; dies würde nämlich bedeuten, so gut wie jede verstrichenen Minute des verlängerten Wochenendes zu rekapitulieren – das Ganze wirkte wie ein Schulausflug, bei dem alle ausgelassen, unbekümmert fern der Erziehungsberechtigten Quatsch machen konnten und dies auch unaufhörlich getan haben.
Also versuch ich es gar nicht, da das Drumherum auch schon recht eindrucksvoll an anderer Stelle beschrieben worden ist. Vielleicht nur noch so viel von meiner Seite: Mit einem Großteil der BORN- Fraktion im selben Hostel zu nächtigen, war ein absoluter Spaßgarant; da hat noch nicht einmal die Infiltration der Ruhries gestört. Ich fand es außerdem schön, dass cherry65 am Freitag im Anschluss an seine Anreise noch so spät in unser Hostel gekommen ist, um am literarischen Quartett teilzunehmen – nun weiß ich definitiv, dass mit meiner Prostata alles in Ordnung ist, denn ansonsten hätte ich mich vollgemacht. Ich habe mich sehr über die Bekanntschaft mit Ete und Erbse, die zum einen durch ihren Kampfgeist und zum anderen durch ihre Kopf-durch-die-Glastür-Mentalität äußerst positiv aufgefallen sind und maecks, der es sich nicht nehmen ließ, am letzten Tag des Wien-Abenteuers frühmorgens extra quer durch Wien zu fahren, um sicher zu gehen, dass wir auch wirklich die Stadt verlassen. – vielleicht beschreibt „Orange, beKappt, behindert“ das Ganze noch am besten.

Aber was für Ambitionen hatte ich für den Marathon in Wien? Nur Spaß oder gar ernst? Im Anschluss an die Brocken-Challenge im Februar startete ich mit einem 8-Wochen-Plan, um mal wieder Tempo aufzunehmen und eventuell auch meine bisherige PB aus dem letzten Jahr zu verbessern. Mein Trainingsstand und erzieltes Lauf-Tempo erlaubten mir ein paar Wochen vor dem Start in Wien sogar auf eine Zeit knapp unter 3h zu spekulieren … eigentlich habe ich damit auch fest gerechnet, aber da habe ich mich wohl ein wenig verrechnet … aber lieber von Anfang an.

Der Marathon-Tag: Nachdem ich meine Frau in die Obhut ihrer Hasen gegeben hatte, hieß es für mich, mich mal langsam auf das Wesentliche zu konzentrieren. Langsam nach vorne in den ersten Startblock hinter die Elite. Aufstellen, die Augen schließen, langsam und tief durchatmen und die Zwischenzeiten noch einmal durchgehen. „4:15 Max und dann wird es eng, komm du läufst auf 4:10, eventuell 4:12, kein Problem“. Die Musik einsaugen, Blick nach vorne, die Muskulatur lockern, Blick nach vorn. Blick nach unten, „hä?“ Da hockt sich doch tatsächlich einer hin und pinkelt in den Startbereich, leises Munkeln von vorn „ Du, da pisst einer hin!..“, „Wo?“, „Ja, da.“ Na gut ein, zwei Meter nach rechts, muss ja nicht die ganze Zeit in der Pfütze stehen, Dinge gibt es, die erlebst du wohl nur beim Laufen. Wahrscheinlich sollte ich froh sein, dass er nicht groß musste. „Wann ruhig, wann beschleunigen? Bis zu welchem Zeitpunkt verhalten laufen, ab welchem Punkt Druck aufbauen“. Fragen über Fragen.

Wer jetzt eine Beschreibung der Strecke erwartet hat, den muss ich enttäuschen, da habe ich definitiv nicht sehr viel mitbekommen. Vielleicht ist das der Preis für einen konzentriert am eigenen Limit gelaufenen Marathon, hin und wieder ein wenig Atmosphäre oder ein paar Mitläufer, aber das Meiste bleibt verborgen.
Startschuss. Es geht los über die Donau-Brücke, Tempo finden. Nicht zu schnell aber auch nicht zu langsam, reinkommen, Laufrhythmus finden. Langsamere Läufer überholen, Schnellere ziehen lassen, immer mit der Ruhe. Das mit dem Laufrhythmus gelingt erstaunlich gut. Warum hier irgendwelche Italiener mit ihrer Flagge die ganze Breite der Straße blockieren müssen wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben, aber egal. Nach zwei Km werden die beiden Startreihen zusammengeführt und ich hatte ein wenig mehr Gedränge erwartet, aber nichts. Zahlt sich doch immer wieder aus weiter vorne ohne Stress zu starten. Erste Verpflegung, ein Schluck Wasser, ein Blick auf die Uhr, 21 Min. Im Plan. Weiter geht es, wo ich bin? Keine Ahnung, Wien, irgendwo drin! Wie oft habe ich mir die Pläne angeschaut und nun? Keine Ahnung!

Die Sonne brennt doch nun ein wenig – kein Blick zur Seite, nur den kürzesten Weg. Keine Gedanken daran verschwenden, ob in der Sonne oder dem Schatten gelaufen wird. Verpflegung: Im Vorbeilaufen zugreifen, an einem Becher Wasser nippen und den Rest über den Kopf – keine Pause, nie stehenbleiben. Dies hat zum allerersten Mal über die volle Distanz funktioniert. Die beiden nächsten 5-Km Abschnitte gehen wie der Erste in etwas über 21Minuten vorüber – alles okay. „Wo war noch einmal Schönbrunn, muss doch hier kommen, vorher geht es doch bergauf, wo geht es bergauf, keine Ahnung. Ah, da wieder der Typ mit dem Vegan-Top, wo kommt die Steigung, wie? Schon das Heldentor. Da hab ich wohl etwas verpasst.“ Bis km 25 war ich ganz klar auf sub3, in einem Gesamtschnitt von 4:12.
Irgendwo nach Km 25 dann die ersten Anzeichen eines Krampfes, meine bekannte Achillessehne; also Tempo ein wenig raus, bis das Gefühl nachlässt und anschließend wieder anziehen; aber hier war wohl dann auch der Knackpunkt in meinem Rennen – das hier verlorene Tempo kann ich nicht mehr einholen, hier habe ich, im Nachhinein betrachtet wohl den Kampf verloren.
Km 28 – mir kommen die führenden 7-10 Läufer entgegen; bis hier dachte ich, ich laufe, aber das hier ist der Wahnsinn, was die bei Km 38 noch abziehen ist unbeschreiblich: diese Dynamik, dieser Kniehub, das Anfersen. Ich staune, applaudiere und bewundere und habe das Gefühl ich stehe oder zumindest das meine Füße mit Kaugummi am Boden kleben. Es geht weiter, die Sonne brennt und es beginnt definitiv kein Spaß mehr zu machen. Jeder Versuch das Tempo anzuziehen schmerzt, und führt nicht zum gewünschten Erfolg, die Beine fangen an zu verhärten, leichte Schmerzen in der Muskulatur, die Gelenke melden sich. Es beginnt unrund zu werden. Der Laufstil, wenn ich jemals einen hatte, ist nun definitiv hinüber. Die Zeiten gehen Richtung 22 Minuten und überschreiten diese zwischen Km 35 und 40 – die Sub 3 ist dahin. Die Beine schmerzen immer mehr, das Ziel, auf das ich den ganzen Lauf fixiert war, dass mich bis jetzt angetrieben hat, dieses doch für mich recht hohe Tempo aufrecht zu halten ist weg. Ich will gehen. Ende mit der Erschöpfung, Ende mit der Qual, aber was dann? Dann schmerzt es die nächsten Stunden, Tage, Wochen um so mehr. Also keine Option! Aber der Wunsch danach, der ist groß! Die letzten Km werden nur noch runtergezählt. Schadensbegrenzung – Tempo so viel es geht. Dies als Erfahrung abbuchen.
Letzte Kurve, Heldentor, Zuschauer, die Uhr. Fuck! Die Bronchien schmerzen, die Beine verhärten sich nun endgültig und ich stehe vorn übergebeugt. Enttäuschung! Was ist da passiert? Zieleinlauf und nun so etwas. Ich muss mich setzen, gehe an den Rand und setze mich, inmitten all dem Trubel bin ich allein, gehe in mich und was nun passiert ist auch für mich ein wenig verwunderlich. Da sitze ich nun, habe 3:01 für den Lauf gebraucht, meine Bestzeit um über 5 Minuten innerhalb eines Jahres nach unten gedrückt und nun das… Fassungslosigkeit. „Scheiße! Warum? 70 Sekunden, keine 2 Sekunden pro Km, ein verdammter Schnitt von 4:15 über die komplette Distanz“. Nicht verständlich, aber es ist so.

Was bleibt?
1) Das Angebot in Frankfurt mit Nezzwerker einen neuen Versuch zu starten; nehme ich liebend gern an, da ich seit HH-Marathon und Brocken-Challenge weiß, dass ich super mit ihm laufen kann.
2) Ein Scheiß-Gefühl, dass ich es irgendwie verkackt habe, warum auch immer, vielleicht wäre es mit etwas mehr Willen und Leidensfähigkeit geglückt
3) Irgendwo, ganz tief, ganz verborgen, der Stolz eine 3:01 gelaufen zu sein. Ist doch auch schon was. Und eines weiß ich nun genau: Die sub3 ist eine Frage der Zeit, es war zum Greifen nah, 2 Stunden bin ich in dem Bereich gelaufen.

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Über Ultra Snob

Urteile erst über mich, wenn du mich kennengelernt hast .... alles andere wird wahrscheinlich in Vorurteilen enden - die Grenze zwischen "Arsch" und Freund ist schwammig.
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