Rennsteig 2011 – In der Kürze liegt die Würze – Die Wade und der Rennsteiglauf

Eigentlich war ein Ultra-Lauf für mich immer ein langsamer Lauf mit reichlich Verpflegung und netter Begleitung; mal von der Tatsache abgesehen, dass es sich meist um einen etwas längeren Lauf handelt, aber immerhin ein recht angenehmer, entspannter Lauf durch schöne Landschaften mit ein paar Höhenmetern wie den Harz oder im Falle des Rennsteiges den Thüringer Wald. Eigentlich.
Doch dieses Mal piesackte der Schalk mich schon rechtzeitig mit meiner ach so schlechten Zeit vom letzten Jahr. „Weit unter deinen Möglichkeiten, willst nicht mal schnell? Hör mal auf mit deinem Ultra-Schlappschritt und fang an zu laufen. Da steht noch meine Zeit von 6:13h und der Andreas läuft da ja auch! An den kannst du dich zu Beginn dranhängen … der läuft schön gleichmäßig…“
Nach einigem Hin und her stand mein Plan dann fest: Bis zum Inselsberg dranbleiben und danach mal sehen – eine Zeit unter 7Stunden sollte aber auch drin sein! Bedenken hatte ich ja nur wegen meiner Krampfanfälligkeit und wegen meiner recht vielen Wettkämpfe dieses Jahr, aber gegen die Krämpfe hilft ja reichlich Salz und die Wettkämpfe geben einem zum anderen das Gefühl solche Distanzen zumindest meistern zu können.

Nach einer fast schlaflosen Nacht ging es in aller Frühe mit Maren nach Eisenach Startunterlagen abholen, Sachen für Schmiedefeld zusammenpacken und auf zum Markt, wo wir gleich MC über den Weg liefen und uns dann zu den anderen schon Anwesenden gesellten.
Nach netten Gesprächen mit alten und neuen Bekannten, ua. Klada und läufer74, der hier sein Debüt laufen wollte (anscheinend ist der Rennsteig geradezu prädestiniert zu „ultra-debütionieren“, da ich letztes Jahr hier auch meinen ersten Ultra unter die Füße nahm), hieß es für mich ab an die Startlinie nach Andreas Ausschau halten. Ich verabschiedete mich kurz von Maren, die sich mit Bus und Bahn gen Schmiedefeld aufmachen wollte und ging in den Startbereich, konnte aber keinen Andreas entdecken; nach dann halt alleine!

Doch plötzlich von der Seite ein „Stehst du hier nicht ein wenig zu weit vorne? Moin Jan“.“Ähm, nö, hallo Andreas. Habe dich schon gesucht. Der Schalk hat dich doch vorgewarnt…“ Dann noch ein wenig Gequatsche und es heißt: 3,2,1 Los!! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Also schneller los, langsamer kann ich ja immer noch werden. Eigentlich eine blöde Einstellung, aber nun gut.

Es ist schon ein schönes Gefühl unter den Läufern zu sein, die als erstes durch das Stadttor und rauf auf den Rennsteig laufen – weniger Gedränge und es gelingt mir besser in den eigenen Rhythmus zu kommen. Doch kaum bin ich aus der Fußgängerzone draußen, geht es gleich schön bergan, so dass ich erneut mein Tempo finden muss. Da sich die Geschwindigkeit aber erstaunlicherweise fast sofort bei einer 5:10 einpendelt und ich merke dass ich damit genau in Andreas seinem Tempo liege, empfinde ich eine ungemeine Erleichterung. Das fängt doch gut an, schnell und kontrolliert!

Oben auf der Wiese, wo der Hubschrauber letztes Jahr die Kühe aufgeschreckt hat, ist ungewohnt viel Platz vor und hinter mir. Der Hubschrauber steigt auf und fliegt parallel zu uns. Die Temperaturen sind schon recht hoch, ein leicht getrübter Himmel, aber trotzdem eine schöne Aussicht, so dass ich dieses Mal sogar die Wartburg und das Burschenschafts-Denkmal wahrnehmen konnte. So relativ einsam geht es in einem recht zügigen Tempo weiter, mal an die Fersen von Andreas geheftet, mal selber vorne. Mal auf, mal ab. Und ich muss sagen, dass die ersten 15 Km nur so an mir vorbeifliegen und ich nach 90 Minuten die Glasbachwiese erreiche. Hossa, ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich dieses Tempo so relativ problemlos laufen kann, es macht Spaß! Nun kommt das steilere Stück hoch auf den Inselsberg und es wird langsamer und für mich heißt es nun, alleine weiterzulaufen. Vorsicht bei dem Geröll und den Baumwurzeln, bloß nicht umknicken.
Plötzlich ein Rempler gegen den Oberarm eines Mitläufers, der aber nur mit einem spaßigem „Wir sehen uns ja noch häufiger, dann schupse ich einmal“ beantwortet und er sollte Recht behalten, da wir uns zum einen das ganze Rennen um kreiselten und er mich zum anderen zwei Mal anrempelte, aber bei der Suhler Ausspanne bei km 57 mit Krämpfen einen Gang runter schalten musste.

Meinen Rhythmus habe ich nun gefunden und einen neuen Rekord habe ich mit sage und schreibe 5 Tütchen Salz Konsum auch schon aufgestellt. Oben auf dem Inselsberg ist dieses Mal so schönes Wetter, so dass ich ein wenig sogar die Aussicht genießen kann bevor es dann wieder runter zur Glasbachwiese geht – Ich hasse so steile Passagen, da ich hier wegen der fehlenden Brille doch immer wieder ein wenig vorsichtiger laufen muss.
Und weiter. Am Oberen Beerberg dann die Mitteilung, dass ich mich an 78er Stelle befinde…häää? Na gut, egal. Weiter! Am Heuberghaus nach knapp 31Km wieder die Gewissheit, dass jetzt nur noch einmal die Marathon-Distanz zu bewältigen ist – ein herrliches Gefühl wenn man sich wieder in „sicheren“ Dimensionen bewegt.

Die Hälfte der Strecke habe ich bei der Ebertswiese nach 3:14h erreicht und dieses Mal versuche ich neben Schleim und Wasser auch eine Banane … ganz dumme Idee. Also einmal Ballast „abwerfen“, sich über die eigene Dummheit ärgern und rauf auf den Glasberg, und weiter durch den Thüringer Wald, mal hoch mal runter.
Mittlerweile hat sich die Pace relativ konstant bei 5:20 eingependelt und ich erreiche nach 54km den Grenzadler. Kurz nachdem ich die Messmatte überlaufen habe, geht plötzlich ein riesiges Applaudieren und Gröhlen durch die Zuschaueransammlungen und ich denke mir noch „Ist ja nett gemeint, aber so gut bin ich auch nicht, als ich bemerke, dass ich gerade von der ersten Frau überholt werden“. So eine linke Nummer, mich einfach während des Trinkens so hinterrücks zu überholen 😉

Also weiter, jetzt nur noch etwas weniger als ein Halb-Marathon und der höchste Punkt der gesamten Strecke. Die nächsten Kilometer bis km 62 also nach oben und das tut mittlerweile wirklich nur noch weh und mich überkommt eine akute Unlust weiterzulaufen, aber was hilft es, von hier fährt ja kein Bus mehr. Die nächste Mitteilung eines Streckenpostens, dass ich nun an 79er Stelle bin, motiviert ebenfalls. Also nicht jammern, sondern schnell ins Ziel, und das wurde es dann auch auf den letzten 10 Km mit einer 4:40. An dieser Stelle muss ich dann ja noch einmal dem Schalk rechtgegeben, der zu diesem Abschnitt meinte, „du willst zwar schneller aber du bekommst die Pace einfach nicht mehr unter eine 4:40“. Hat der Berliner mal Recht gehabt!

Hier ist es schön, da ich die ganze Zeit an den Wanderern vorbeilaufe, die mich unaufhörlich anfeuern und ein wenig die letzten Km hinunter applaudieren. Hier beginnt wieder einmal der emotionale Teil des Laufes, die Gewissheit es geschafft zu haben, die Erinnerung an meinen ersten Rennsteig wo ich hier mit Maren telefoniert habe, weil ich wusste, dass ich es geschafft hatte. Gänsehaut, und die bekannten Fliegen! Fast toll, wenn da nicht die Beine wären.

Es folgen die letzten Meter, die letzten kleinen fiesen Anstiege, die nun wirklich noch einmal wehtun. Dann der Regen und die Ziel-Gasse und ein hektisches lautes Rufen, … hä? Wer war denn das. Ja, Maren wollte hier warten aber daneben? Ahhh der Marcus, Schön! Danke! Schnell durch das Ziel und nach den Beiden Ausschau halten, da sind sie ja, hinter dem Affengitter. Freude, über den Lauf und die Beiden. Einer dieser großen Momente, toll dieses Gefühl ein wenig teilen zu können. Der Regen wird schlimmer, egal. Mir ist warm und ich finde es schön, ich komme allmählich herunter. Ein Blick in die beiden Gesichter, lässt mich ihre Freude erkennen, einfach nur am Rande zu stehen und den Ankommenden zuzujubeln. Großer Sport, das tut gut!
Auf einmal ein Cola-Becher von links und ich sehe Andreas. Bei ihm lief es nicht so gut und daher nur um die 6:30h … wenn ich groß bin will ich so etwas auch mal sagen ;-). Ein riesiges Dankeschön für deine „Tempoarbeit“ zu Beginn des Laufes, das hat mir extrem gut in den Lauf geholfen.

Ich bin zufrieden, fast eine Stunde schneller als letztes Jahr und auf jeden Fall Potential nach oben. Und vor allem, das ist für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse des Tages, ohne Krämpfe, ich muss nur genug Salz zu mir nehmen.
Da der Regen immer stärker wird, heißt es nun, sich zu duschen und sich anschließend im Festzelt mit anderen Mitstreitern zu amüsieren, und weitere nette Leute kennenzulernen, Energie nachzutanken und und und. Die Zeit vergeht wie immer im Flug und da meine Beine immer schwerer werden, möchte ich mich auch bald aufmachen, da ich ja auch noch 1,5 h Busfahrt und 1h Autofahrt vor mir habe. Nächstes Mal, da bleiben wir!

Ja, nächstes Jahr möchte ich dann mit anderen Willigen die Strecke noch schneller bewältigen und vielleicht kann ich das dann ja einmal mit dem Schalk probieren oder … ja mit wem noch? Freiwillige vor! Danke Schalk für deine Tipps! Und um das schnellere Ultralaufen umzusetzen zu können, werde ich dann wohl noch einmal den Ottonenlauf unter meine Hufe nehmen, denn da habe ich auch noch so eine hundsmiserable Zeit stehen 😉

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Über Ultra Snob

Urteile erst über mich, wenn du mich kennengelernt hast .... alles andere wird wahrscheinlich in Vorurteilen enden - die Grenze zwischen "Arsch" und Freund ist schwammig.
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