BC 2012 – „Brocken´n Roll“ – Jupp, das war eine Challenge

Februar 2011: Strahlend blauer Himmel, Sonnenschein, kein Schnee und perfekter Zustand der kompletten Strecke von Göttingen bis zum Brocken-Gipfel, eigentlich ein richtig schöner Landschaftslauf! Aber im Februar? Ey, das ist Beschiss, ich wollte eine Challenge! Also stand der Entschluss ein weiteres Mal, trotz der damaligen kleinen Differenzen mit Teilen der Organisatoren, Tee usw. zu starten ziemlich schnell fest! Zumindest für Scooby und mich. Es sollte dieses Mal kalt, richtig kalt sein und windig und Schnee, ja viel Schnee, alles so richtig anstrengend, so mein Wunsch …
Insgeheim war ich dann aber über den nicht stattfindenden Winter bis kurz vor der Challenge doch recht froh, da die Kälte überhaupt nicht mein Ding ist. Aber dieses Mal wurden meine Worte erhört; hätte ich bloß einmal die Klappe gehalten. Es kam die Kälte, so richtig und als ob das nicht genug wäre, kam ein paar Tage vorher dann auch der Schnee.
Die Planung war dieses Mal im Gegensatz zu 2011 ganz einfach: Scooby und Dani übernachten in Göttingen; Dani und Maren fahren uns zum Start, reichen uns die Wechselklamotten bei der Marathondistanz bevor es in den Hochharz geht und begrüßen uns dann auf dem Gipfel. Anschließend fahren wir zu Scooby, bewundern uns gegenseitig und hauen am Sonntag wieder nach Göttingen ab. Geiler Plan!
Die Vorbesprechung ist diese Mal unspektakulär und es geht danach gleich nach Hause zum Essen. Durch geschicktes Ausfragen bekomme ich von Björn auch Tipps welche Klamotten ich zum Lauf denn tragen werde. Ich habe mir dieses Mal wirklich recht wenig Gedanken über Laufklamotten, Equipment usw. gemacht. Ist vielleicht deshalb alles auch so entspannt gelaufen. Alles andere an Klamotten kann ich ja noch im Rucksack verstauen, auch wenn ich dieses Mal wieder feststellen werde, dass ich so gut wie fast gar nichts daraus gebrauchen werden würde.

Samstag 4:00 Uhr: Weckerklingeln. Ein Blick aus dem Fenster lässt Böses ahnen … es würde kalt werden, sehr kalt, so um die -15 Grad. Vielleicht doch zu dünn angezogen? Unterhemd, Langarmshirt und Regenjacke und lange Winter-Tight? Nö, passt schon! Die Weste würde ich in Barbis noch dazunehmen. Ich laufe ja schließlich, da würde mir schon warm werden.

Dann geht es zum Start … dieses Mal auch unspektakulär, ich will einfach nur los, mir wird immer kälter, also verabschiede ich mich und raus zum Start. War da dieses Mal eine Ansprache? Keine Ahnung, mir war ein wenig kalt! Doch dann: „ Brocken-Challenge 2012 – here we go“ Mein Zeichen.

Raus in den Göttinger Wald, die Kälte beißt ins Gesicht. Über das Kerstlingeröder Feld, ein ehemalige Truppenübungsplatz nach Mackenrode. Der Weg hier ist von Fackeln am Rand abgesteckt, was bei diesem Wetter wohl wirklich nicht einfach war. Ein Blick zurück und das Bild, welches sich da bietet, ist atemberaubend. Unvergessliche Laufmomente. Tempo finden! Vor mir läuft ein Schweizer Paar, fröhlich schnackend und immer schön gleichmässig. Also dran und über die Dörfer und Felder fliegen…fliegen? Ja, ein Blick auf die Uhr verrät mir Erschreckendes, der Kilometerschnitt geht stetig nach unten: 5:30… 5:15… 5:10… 5:05… 5:00… 4:50… 4:45 und ich rede hier vom Gesamtschnitt! Und dann kommt auch eine erklärende Bemerkung …“Ach, Denise, du läufst dich doch gerade erst ein und am Berg machst du dann Ernst..“ Hä? Es handelt sich hierbei um die recht erfahrene Schweizer Ultraläuferin Denise Zimmermann, die spätere Siegerin. Also lieber ziehen lassen.

Bei einer kleinen privaten Tee-Versorgung vor dem ersten Trailabschnitt, dann die erste Temperaturansage, es sind -15 Grad! Das erklärt das Eis am Bart, auf der Mütze in der Nase am Hals und in den Ellenbeugen, also schnell weiter.

Bis zur Marathon-Marke geht es nun eigentlich schön im angestrebten Tempo weiter … geplant war 3:45, angekommen bin ich 3:48. Schuhwechsel! Maren zieht mir freundlicherweise die Schuhe aus und schließt mir die Reißverschlüsse, da ich mit den steifgefrorenen Fingern kaum noch etwas anfangen kann.

Nun geht es in den Oberharz, es geht bergauf! Und irgendwie fehlt mir hier die Motivation – warum denn diese Anstrengung bei diesem Wetter, ist doch eigentlich doof! Doch je länger diese negativen Gedanken anhalten umso größer wird auch die Freude auf das Kommende und wie soll es dann erst bei dem Zugspitzultra werden; also, weiter! Und nun geht es in den Wald zum Entsafter, der dieses Mal seinem Namen alle Ehre macht. Die Beine werden schwerer, und immer wieder das Wegrutschen bei Laufen, das stetige kilometerlange leichte bergauf und es ist einfach kein vernünftiges Laufen mehr möglich. Bei vielen Stellen wird einfach nur zügig gegangen, aber auch das ist anstrengend, richtig anstrengend! Doch dann wieder diese Landschaft, dieses Privileg hier laufen zu dürfen, diese Bilder, diese Natur so alleine erleben zu dürfen! Gänsehaut und Lauflust pur, verflogen die Unlust von vorhin! Ein Blick nach links und es erscheint im Tal die Odertalsperre. Phantastisch.
Und dann sind sie da, die Frauen vom Jagdkopf, dieses Mal ohne Pferd weil es zu kalt ist, aber mit Auto, also mit Vollverpflegung! Super, jedes Mal wieder. Ein kurzes Gespräch und der Entschluss die Yaktraks unter die Schuhe zu spannen. Ein folgenschwerer Fehler!
Im folgenden Abschnitt, dieses Mal liebevoll „Beach-Volleyball-Feld“ genannt, habe ich nun zwar ein wenig Halt, aber die Metallspiralen der Yaktraks rutschen nach oben und ich knalle sie mir immer mal wieder an den linken Knöchel, und das schmerzt. Mittlerweile traue ich mich noch nicht einmal mehr dahin zu gucken, das hebe ich mir lieber für später auf.

Bei der Verpflegung Lausebuche schaue ich nach unten und sehe nur eine leicht zerfetzte CEP-Socke, die blutdurchtränkt ist…uppps. Fleischwunde, na und? Eine der Helferin fragt dann, ob es nicht doch besser wäre, da einmal den Sani draufschauen zu lassen, also rein in den Krankenwagen. Da der Reißverschluss aber zugefroren ist, und ich die Kompressionssocke wohl kaum ausbekommen hätte, wird der Knöchel nur eingewickelt, um weiteren Schaden zumindest zu verhindern. Danke! Hat fast 20 Minuten gedauert, aber besser als mit dem Blut den Luchs anzulocken ;-).
Weiter geht es und die Sonne tut nun ihr Bestes. Der Knöchel schmerzt immer mal wieder weil die offene Stelle immer auf den Schuhrand drückt, na gut – Ultra tut halt immer auch ein wenig weh.
Am Fuße des Brockens ist nun blauer Himmel und Sonnenschein und die Wege werden richtig gut. Schön festgetretener Schnee. Perfekt. Und so geht es weiter. Zwar bergauf, aber bei diesem Wetter ein Traum! Ein kurzes Gespräch mit einem älteren Wander-Ehepaar motiviert zusätzlich! Laufen finden sie Spitze, und diese Leistung sei ja der absolute Wahnsinn. Bewunderung für solche bekloppten Ultra-Veranstaltungen, das habe ich nicht oft! Dann bin ich auch schon in Königskrug und es folgt bald die 1,5 Km lange Langlaufabfahrtsstrecke nach Oderbrück! Mal wieder richtig Gas geben, und dann klingelt plötzlich das Telefon. Also im vollen Lauf die Handschuhe ausziehen, Handy rausgefummelt und dann:
„Hallo?“
„Ja, hier ist der Schalk, wo bist du denn?“
„1 Km vor Oderbrück“
„ Schön, dann sehen wir uns ja gleich, ich bin am Verpflegungsstand“
„Oh schön, aber es dauert, mein Knöchel macht ein wenig Ärger“
„Okay, ich gebe dir 4 Minuten!“
Handy weg und Gas geben, denn den Schalk will ich ja nicht warten lassen. Und da steht er dann auch. Das war toll, richtig toll! So ein verrückter Hund, kommt vom Kurzurlaub einfach kurz vorbei, um mich ein wenig den Berg hoch zu hetzen. Die nächsten Km vergehen wie im Flug. Er sagt, ich würde schnell laufen…ja ja, aber trotzdem Danke. Beim Abschied am Dreieckigen Pfahl kommt mir sogar eine Fliege ins Auge. Toll! Wieder einer dieser Momente. Dank dir Schalk, das war motivierend und den Auftrag habe ich ausgeführt und den anderen Läufer nicht nur eingeholt, sondern bis zum Ziel auch noch drei Minuten abgenommen.

Die restliche Strecke ist dann noch einmal recht zermürbend, aber immer mit dem Blick auf den Sendemasten geht es dann an der Bahnstrecke entlang. Ein Tuten kündigt die Brockenbahn an und ich kann nicht anders als stehen zu bleiben und es zu genießen, wie die Bahn an mir und den vollgeschneiten Tannen vorbeizieht. Wahnsinn! Jetzt ist alles perfekt und ich werde mir bewusst, dass ich es geschafft habe!

Nur noch ungefähr 900m die Brockenstrasse hoch! Ich habe den Brocken erneut bezwungen, unter widrigen Bedingungen: Schnee, Eis und durchgehend zweistelligen Minusgraden. Meine Umwelt ist mir egal, die eine oder andere Träne, Freude, Stolz!

Los jetzt, nur noch mein Schatz in die Arme schließen, den Moment abrunden. Dann sehe ich das Ziel, Maren kommt mir entgegen. Schön, „Welt bleib bitte einen Moment stehen“, unbeschreiblich. Eigentlich will ich zum Brocken-Brocken, aber nach der Foto-Session meines lädierten Knöchels ist mir wieder kalt. Ich will rein. Auf dem Weg in den Saal könnte ich vor Freude zerplatzen! Ich hatte meine Challenge und es hat Spaß gemacht! 81Km mit 1900 positiven Höhenmetern in 9:23h als 14.ter. Nun noch der Duschspaß, das leckere Büffet und der 8km Abstieg zum Auto. Es wartet noch ein richtig chilliger toller Abend mit Björn und Dani. Ein perfektes Laufwochenende! Ach ja, ich mag mittlerweile diesen Zimt-Tee!

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Über Ultra Snob

Urteile erst über mich, wenn du mich kennengelernt hast .... alles andere wird wahrscheinlich in Vorurteilen enden - die Grenze zwischen "Arsch" und Freund ist schwammig.
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