Grenzerfahrung – einmal richtig bitte: Brocken Challenge 2013!

3:30 Uhr – Ich hab immer noch kein Auge zugetan und beschließe, dass die Nacht zu Ende ist.

5:00 Uhr – auf ein eiskaltes Frühstück im Bretterverschlag eingestellt und… enttäuscht worden. Mit Handschuhen und Nougatersatzcreme ist das sogar ganz nett … und sogar der Yogi-Roibostee macht mal keine Party in meinem Bauch.

6:03 Uhr – Here we go! Ich hör das gar nicht, so laut sind die alle … und soweit steh ich hinten. Na dann mal los. Ich mach mich mit meinen Laufschutzengeln bekannt: ein Yeti und eine kleine Laufelfe, die eigentlich ein übermächtiger Laufriese ist.

Bis 7 Uhr – verlieren wir irgendwo hinterm Kerstlingröder Feld unseren Yeti, weil der nochmal zurückläuft. Laufelfe ist sich sicher, der kommt wieder und wir laufen weiter Richtung Rutschpartie runter nach Mackenrode. Irgendwie komm ich aber nicht richtig in Tritt, mir ist leicht schummerig von diesen wackelnden Lichtern und ich hoffe, dass der Kopfdruck auch mal langsam verschwindet.

Irgendwann bis 8 Uhr geht irgendwo hinter tief hängenden Wolken, in irgendeinem Nest im Eichsfeld die Sonne auf … und bei mir endlich die Lampe aus und runter. Glatt war’s bisher nur partiell aber da dann richtig schön. Ansonsten haben wir bei unserem Teekränzchen hier – wie bestellt – kein Wetter. Soll heißen, es ist wärmer als die gedachten -3°C, windstill und trocken (zumindest von oben). Die Laufelfe bekommt sich ob des tollen Lichts streckenweise nicht mehr ein und unsere Gespräche fangen an tiefer zu gehen. Na vielleicht wird das heute doch noch mal schön.

Irgendwann nach 8 Uhr laufen wir am Seeburger See vorbei … und mit der Frische in meinen Oberschenkeln ist es vorbei. Was soll das?! Das machen die doch sonst auch nicht, jetzt schon zugehen wollen, och nö! Ich versuch‘s zu ignorieren und dem weißen Reiher – ja genau kein Storch, kein Schwan, sondern ein weißer Reiher – mit den Augen zu folgen … und mich innerlich von der davonziehenden Elfe zu verabschieden.

8:30 Uhr (oder so) – seh ich Spaziergänger, sind gar keine Spaziergänger, sind mein Jan und unsere Freunde … und die begleiten Laufelfe (die doch noch nicht weg wollte) und mich zum nächsten VP. Ich nöll einem die Ohren voll und der optimiert mein Rucksackgepäck auf ein Minimum: „Kriegste in Barbis wieder!“ Saugeile Idee, Falk, D A N K E! Wir werden mit einem Autocorso vom Stand weggejagt, mit Musikuntermalung, dank Jan: Das war so so gut!

Irgendwann danach sind wir im Anstieg zur Tillyeiche. Das ist schön hier und mit der Laufelfe wird’s auch immer schöner, mir geht’s wieder gut und als wir da runter kacheln, haben wir ne richtig geile Zeit.

Vor 10 Uhr – klingelt Elfes Handy: der Yeti, er kommt … mitten auf der Landstraße und wir sind komplett.

10 Uhr – schönster Versorgungsstand an der Rhumequelle … die färben ihr Wasser da dunkeltürkis. Ich denk nicht … und denk doch, ich schlag gar nicht richtig zu am geilen Büffet. Die Leute dort sagen sehr, sehr nette Sachen und sind so warm und herzlich, dass man sie glatt in den Arm nehmen möchte… also weiter.

Bis kurz vor 12 Uhr geht es über weite Hügel, Felder und Wirtschaftswege dahin … und ich frag mich wann endlich mal dieses Barbis auftaucht. Da ist es, wir sammeln tatsächlich noch nen Läufer ein (der dann doch aussteigt, in Barbis) und da unten, da an dieser Mühle, da wartet noch als einziger Supporter neben der VP-Crew, ganz einsam, mein Jan. Ich glaub, ihm ist kalt. Mir geht’s gut und ich bin vollen Mutes.

Kurz vor 12 Uhr – ich steh da, nipp an der Brühe und mir wird schlecht. Ich setz mich und Jan packt meinen Rucksack: ja das war alles da drin und muss da auch wieder rein. Aber war das vorhin auch schon so schwer? Ab jetzt wird’s ernst, hab ich schon so oft gehört. Und darauf bin ich gespannt, das wollte ich die ganze Zeit: Jan wegschicken, der soll sich aufwärmen und auf zum Entsafter.

Entsafter Prolog – Es geht direkt hinterm VP hoch… und ich brauch langsam aber sicher mal nen Baum … um heraus zu finden, ob das noch normal ist oder schon Krämpfe sind. War normal aber die Elfe und der Yeti kucken besorgt, hatten wohl mitbekommen, dass mir unten am VP schlecht war und denken sonst was. Ab jetzt steh ich unter gepamperter Überwachung.

Wir laufen, es geht sogar runter und ich denk mir, für nen Entsafter, ist das hier erstaunlich toll. Soll’s nur so weiter gehen, umso weniger km können schlimm sein.

Entsafter I – beginnt und obwohl ich genau so ne Steigung geübt habe, komme ich hier nicht richtig ins Laufen: also mach ich Galloway … und bin froh dass ich beim Gehen (gefühlt) gar nicht mehr so langsam bin. Irgendwie geht’s mir gut: Wenn das hier das schwierigere Stück ist und das so weiter geht, dann, ja dann… Irgendwann wird das aber doch anstrengend. Ich realisier schlagartig, dass ich meine Teeflasche nicht aufgefüllt habe, die Elfe hat Probleme mit ihrer Brühe und der Yeti hat mit seinen Thermosbecher den Trostpreis gezogen: also Tee teilen. Ich hoffe nur inständig, dass die guten Reiterfrauen auch noch auf uns am Jagdkopf ausharren. Ich will da nur noch hoch und ankommen… auf den Jagdkopf … und die Frauen sehen. Da ist das Schild … und los. Sie sind tatsächlich noch da und haben uns ganz stolz und fürsorglich Tee aufgehoben. Yeti und Elfe verweisen auf mich: Seh ich doch schon so fertig aus, dass sie auf ihre Teeration verzichten? Ich bin mal wieder nen totaler Egoist und nehm’s, Yeti vergnügt sich mit Apfelschorle und Elfe? Ja sie begutachtet das Buffet. Ja das Buffet, irgendwie ist das toll aber irgendwie sagt es mir dann doch nicht zu. Nicht weil da keine Leckereien drauf wären, sondern weil ich appetitlos bin… und wenn ich das bin, dann bin ich sehr unleidlich. Ich nehm ein, zwei Kekse und die Elfe steckt mir nen Schokoriegel ein.

Entsafter II – beginnt noch nicht, da rufen uns die guten, besten Frauen vom Jagdkopf hinterher, dass eine andere Läuferin sie anrief und vor diesen Teil des Entsafters warnte: Er ist diesmal wohl wirklich hart. Na gut, wie war das? Here we go! Ich wollte es so und will wissen, was es damit auf sich hat.

Entsafter II – Wir sind drauf und wissen, was die warnende Läuferin meinte; Meine Fresse, wenn das bis unten zur Lausebuche so weiter geht, wär das überhaupt nicht gut: Der Inbegriff eines Schneefeldes, das der Winterzwilling eines durchwühlten Beachvolleyballfeldes ist, ist hier Realität geworden. Ich werd kalt, mich friert‘s und ich will laufen. Aber laufen geht hier gerade ganz und gar nicht, das kann man gar nicht beschreiben wie das ist, das muss man (oder besser auch nicht) selbst erleben … und mir wird immer kälter. Ich frag den Yeti, der streckenerfahren ist, ob sich das die nächsten km noch mal ändert, ganz ehrlich: Nein! Ok, dann Daunenjacke raus und an! Das ist jetzt allerhöchste Zeit, mir war noch nie so kalt, ich klapper und die Zeit zieht sich so endlos hin. Ich kann grad auch gar nicht richtig denken, nur „Jacke an!“ schwirrt in meinem Kopf rum. Als das erledigt ist, bin ich ganz fertig …und die Elfe zwingt mich den Schokoriegel zu essen. Ich will nicht und muss doch den gesamten Schokoriegel essen… es wird langsam besser.

Stapfen, Marschieren als ob ich nie was anderes gemacht hätte, wo es geht anlaufen und nach ein paar Meter wieder ausgebremst werden. Dieser Teil des Entsafters macht mich fertig. Hätte ich nicht gedacht, so richtig fertig… und wird sich als Schneehölle in meine Festplatte einbrennen. 2km vor der Lausebuche können wir wieder laufen…. Wenigstens das geht noch (eher schlecht als Recht).

Kurz vor 16 Uhr – wir sind da, da am VP der Lausebuche. Ich dachte im Vorfeld, wenn ich bis hierher komme, wird es mental einfacher… weil sind ja nur noch einstellige Kilometerabschnitte zwischen den VP: Was für eine beknackte Arroganz! Ich werd vom VP-Leiter gefragt, ob ich ernsthaft weiterlaufen will: Mist, sehe ich tatsächlich so scheiße aus? JA! Und „JA!“ ich will weiterlaufen, es gibt keinen Grund hier rauszugehen, die Hölle hab ich hinter mir. Und ich steh vor meinem Angstgegner: Der Überquerung der 3-Spurigen schlecht einsehbaren Bundesstraße: Auf nach Königskrug!

Irgendwann bald nach 16 Uhr überkommt es mich, ich merk, ich kann nicht mehr laufen: wechsel ich in den Laufschritt, beweg ich mich eher rückwärts oder maximal auf aber nicht von der Stelle. Und es überkommt mich noch einmal, ich weiß, schlagartig, ich kann das nicht, ich kann das heute nicht, ich schaff das heute niemals auf den Brocken. Ich weiß nicht woher dies kommt, ich bin ganz klar und weiß, für mich geht’s nicht hoch, nicht heute. Das ist krass, das hatte ich noch nie. Ich merk, dass definitiv vor dem Brockengipfel Schluss für mich sein wird. Ich weiß es einfach. Und jetzt kommt das Schwerste: Es der Elfe und dem Yeti beibringen, dass sie weiter laufen sollen, ohne mich. Die wollen nicht, die zieren sich, die reden mit Engelszungen, wollen mich verführen, schaffen‘s fast, aber mein Wissen über meine Leistungsgrenze bleibt und irgendwann ziehen sie auch davon. Farewell dear friends, es war eine unglaublich schöne Reise mit Euch!

Ich ruf Jan an und gestehe ihn mein Scheitern ein. Das wird schwer, nein wird es nicht, er ist toll, so toll, kennt mich, ganz genau, fragt kurz nach und dann macht er sich auf den Weg mir entgegen, vom Gipfel herunter.

17:14 Uhr – ich lauf oder besser schleich im VP am Königskrug ein. Werd mit den Worten „Du bist Maren und willst aussteigen, richtig?!“ begrüßt: Grenzerfahrung auf beiden Seiten und… AUS!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Marens Urw"alt" abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Grenzerfahrung – einmal richtig bitte: Brocken Challenge 2013!

  1. Ultra Snob schreibt:

    Oh Sweet, ich lese dies nach all der Zeit wieder und habe ein richtig schlechtes Gewissen…du kannst das! Hin und wieder läßt du dich nur ein wenig zu schnell vom Ziel abbringen …Lauf und kämpf! So ich das kann, werde ich dich dabei unterstützen!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s