Maren schreibt wieder …

Ich lauf keine Wettkämpfe mehr, zumindest nicht in diesem Jahr.

Ich schreibe nicht mehr darüber, zumindest seit über einem Jahr nicht mehr.

Beides braucht Training. Und bei beidem geht mein Trainingsstand gegen Null.

Das macht mich fett, träge und uninspiriert.

Seit dem ich mir dies jedoch eingestehe, fühle ich mich freier, zumindest in Bezug auf‘s Laufen. So etwas wie Motivation keimt wieder auf, ich bekomme tatsächlich wieder Lust. Ist doch egal wie langsam ich da beim Laufen in meinem Waldwohnzimmer rumschlurfe. So ganz egal ist es dann wohl doch nicht. Aber ich fühl mich freier, freier mit dieser kleinen Lust auf’s Laufen, mit dieser aufkeimenden Lust auf‘s Training, mit dieser Lust zur kleinen Inspiration zum Schreiben.

Und heute schreib ich wieder. Seit über einem Jahr, schreib ich das erste Mal wieder. Mein Bedürfnis darüber zu schreiben ist jetzt das erste Mal wieder so groß, das ich’s tu‘. So wie ich mir die Demotivation zum Laufen erst eingestehen musste, mich – nicht ganz freiwillig – von gewollten Wettkämpfen und Laufzielen gänzlich verabschiedete, so musste mir erst klar werden, dass ich das Schreiben brauche. Ich brauche es, um mich zu spüren. Ich brauche das Schreiben wie das Laufen. Es macht mich, es bringt mich näher zu mir selbst. Es macht mich zufriedener, lässt mich mehr ich sein. Und das musste ich erst erkennen, begreifen und wieder beginnen. Mit dem Schreiben und mit dem Laufen. Das eine geht nicht ohne das andere.

 

Erste von Hinten                                                                                                                                          27.05.2014

Und dann war da der Elm, der Lauf in und um und mit dem Elm. Eigentlich heißt er Elmsupertrail aber für mich heißt er Elm. Wie der Waldhügelzug, östlich von Braunschweig. Dieser Lauf ist für mich dieser Wald und der Wald wird immer auch dieser eine Lauf sein, für mich. Es gab vor ihm, schon wieder Läufe, veranstaltete Läufe, bei denen ich war. Die besonders waren. So wie mein 15. Marathon vor 2 Wochen. An den ich nie glaubte. Den ich nicht mehr erwartete und dann war er gelaufen, mit Willi, bei Michael, an seinem Geburtstagsmarathon. Der war beschreibenswert aber ich hab’s nicht geschafft drüber zu schreiben. Aber der 15. Marathon hat mir gezeigt, dass ich wieder an mich glauben kann (und damit verdammt noch mal nie aufhören sollte!).

Und dann kam der Elm. Ich gehe hin ohne Gedanken daran, dass dies eine Veranstaltung, ein Wettkampf des Laufens sein wird. Ich hege keine Gedanken, darüber schreiben zu können oder schreiben wollen zu können. Ich geh hin, um Freunde zu treffen. Ich geh hin, um ein bisschen zu laufen, um mal durch einen anderen Wald wie meinem eigenen zu laufen.

Ich erwartete nicht viel und startete. Ich will nicht zu schnell laufen, das wird dann nichts. Aber nach 2km ist die Pace für ne hügelige Waldstrecke immer noch deutlich zu schnell. Aber das muss so. Ich bin für mich schnell, ich bin hoffend erstaunt ob des Tempos und lauf doch auf dem vorletzten Platz. Die nächsten vor mir, die Mädels, sind 200m weg. Und sie bleiben auch konstant 200m weg. Ich lauf schnell, für hier, immer noch, doch sie bleiben konstant auf 200m vor mir. Da kommen Steigungen, die 200m bleiben konstant. Da kommen Gefälle, die 200m bleiben konstant. Ich lauf ne Geschwindigkeit, die ich sonst im Flachen laufe, die 200m bleiben konstant. Ich bin der Windhund und sie sind das Kaninchen. Sie ziehen nicht weg, sie bleiben konstant auf 200m. Eine konstante Verführung zum zu schnellen Laufen. Wenn ich anziehe, dann komm ich vielleicht ran aber was wird dann. Wir sind noch nicht mal bei der Hälfte der Strecke und sie halten mich konstant auf Abstand. Ich red mir bockig ein: Da kommt noch was, die Abrechnung kommt zum Schluss!

Und dann kam er, der Traumpfad. Neudeutsch gern Trail geschimpft. Ich versuch das zu vermeiden. Klappt bloß nicht konsequent. Eher sehr inkonsequent. Aber zurück. Dieser Pfad hier ist traumhaft. War nicht zu erwarten aber er lässt mich ein wenig fliegen. Ich bin froh, dass ich hier alleine laufe. Weit und breit kein Kaninchen, kein Läufer zu sehen. Wir sind allein, der Pfad und ich. Ich habe ihn ganz und gar hier für mich allein. Er windet sich, ist bedeckt von alten Nadeln, schön weich und es liegen genug Tannenzapfen rum. Er kleidet sich in Licht und Schatten und gebärdet sich als lieblichster Pfad, der zum nur so dahin träumen verführt. Er und ich – Ich will das er, das es niemals endet, nie. Alles ist vergessen, nur er und ich. Und ich bedauere jetzt schon sein Ende.

Ich laufe dahin. Außerhalb von Zeit und dem Leben da draußen. Nur Er und ich. Am Waldrand, im Wald. Über Wurzeln, Zapfen, Kurvenspiel, wechselnde Tempi. Leicht, spielerisch, scheiß auf die Pace. Ich trau mich nicht meinen Blick von ihm abzuwenden, raus, zwischen die Bäume hindurch, auf die Felder, runter in die Ebene. Ich weiß da drüben, am Ende des Blickes raus, steht er, der Brocken aber ich schau nicht hin. Ich wende mein Blick nicht ab, ich bleib mit den Augen auf ihm, auf meinem Traumpfad, hier im Elm. Er endet nicht, er will nicht enden und doch endet unsere alleinige Zweisamkeit genau jetzt und hier. Jetzt, da läuft ein anderer vor mir. Keines der 200m-Kaninchenspiel-Mädels, sondern ein anderer, noch nicht gesehener Läufer: eingesackt. Danke, für das Geschenk! Er ließ mich einfach vorbei. So wie man schnellere Läufer gern vorbei lässt, lässt er mich vorbei. Und da ist noch einer. Der ward wohl gefallen. Aber er läuft noch und lässt mich vorbei, ebenfalls. Wieder, noch einer. Zwei Läufer mehr hinter mir, die Intimität mit dem Traumpfad ist vorbei und mein Wettkampf beginnt.

Und dann sah ich sie, das Mädel im weißen Shirt. Sie ist keine 200m mehr vor mir. Das sind keine 20, keine 10 Meter mehr und dann ist auch sie im Sack, in meinem Sack. Was ist das?! Ich fühl mich … ich kann’s nicht sagen wie, ich fühl mich einfach gut! Es geht runter nach Schöningen. Das kleine Kopfsteinpflaster lieb ich jetzt schon und freu mich auf die Tour zurück hoch, hier auf den unebenen Steinchen mit zu großen Lücken. Ich nehm das, was jetzt kommt, an. Kein halbherziges Handbremsen betätigen mehr. Nein, jetzt ist Jagen angesagt. Ich sehe lauter Läufer vor mir. Wie auf ner Perlenschnur. Und der nächste ist im Sack. Ich lauf wie im Film, im meinem Film, und will wissen wie‘s weiter geht. Da vorn, vorm Tor auf dem großen Kopfsteinpflaster ist das blaue Shirt, das zweite 200m-Kaninchenspiel-Mädel: im Sack. Verwirrung hinter der Tor-Schloss-wasauchimmer-Mauer: Hof-/Stadtfest und ich weiß nicht, wo ich lang muss. Da sind die Buden. Da ist die Tränke. Ich will Energie, Wasser und kann doch nicht hin. Wohin? An der Absperrung lang, nicht enden wollenden Bogen laufend und dann rein. Rein ins Spalier. Die Menschen, die applaudieren hier. Die beklatschen mich, mich die Ex-Vorletzte! An der Tränke stehen mehr. Mehr Läufer. Wo kommen die jetzt her?! Die haben die Ruhe weg und versorgen sich. Ey, ist doch Wettkampf hier! Ich nehm jetzt Cola. Ja volle Gefahr, sind nur noch 7km und der Motor wird schon nicht ausgehen. Cola rein und weg. Die Moderatorin sagt etwas und nennt meinen Namen: meinen, mir eigenen Namen! W a s?! Ich bin im Film und bin dann weg. Das 2. Kaninchenmädel in blau hat mich wieder, noch ein zweiter Läufer sackt mich ein und es geht hoch zu. Jetzt werd ich gejagt. Vom weißen Shirt und von den Gedanken an sie, das Kaninchen im blauen Shirt mit ihrer Begleitung. Die Steigung zieht sich. Auf dem letzten Stück seh ich ein bekanntes, liebes Gesicht der run & biker: los quäl dich! Oben seh ich das blaue Shirt: los jetzt, quäl dich!

Der Abstand bleibt, aber diesmal keine 200m mehr. Nein das ist weniger. Wie war das: abgerechnet wird zum Schluss?! Also versuch mal was, was du noch nie gemacht hast: kontrolliere! Dich und den Lauf. Der Lauf ist kein Lauf mehr. Das ist ein Wettkampf, ein Rennen. Auch wenn er’s nur in meinem Kopf ist. Ich bin im Tunnel und will das blaue Shirt. Ich weiß wann ich loslasse und nun ja, ich glaub das nennt man dann wohl „angreifen“. Nach dem letzten VP. Da gibt es noch mal Cola. Und ab die Luzi! Ab hier geht’s runter. Und zwar auf einen Pfad ohne Überholspur, dafür mit Matschlöchern, die jedes Wildschweinherz in ungeahnte Höhen katapultieren würde. Mir egal, ich renn da durch. Und lauf sicher. Ohne Verknicker, ohne Ausrutscher, ohne den Halt zu verlieren. Mit einem tiefen Vertrauen auf das Material, das unter meinen Füßen steckt. Und anscheinend auch irgendwie mit gewissem Vertrauen in das Material aus dem meine Füße, meine Beine, mein Kopf ist. Das blaue Shirt hol ich mir, lass ich hinter mir und denk mir: wäre ja auch blöd, wenn ich die jetzt ausbremse und sie mich wieder hat. Also keine Gefangen machen und weiter runter jagen. Mein Herz jagt auch, wie verrückt. Ist das jetzt die Cola oder der überholende Radkamikaze, für dessen Läuferpartner ich den Bouncer grad gab? Egal, nein, nicht egal. Was wird das jetzt? Bin ich zu schnell? Hab ich zu viel gewollt? Springt mir das kleine Ding jetzt raus? Oder krieg ich wirklich gerade jetzt einen Herzinfarkt? Wie wird sich das anfühlen? Und schon spuckt der Wildschweintraumpfad mich aus.

Und da war sie, die Märchenburg. Die wo vor knapp drei Stunden alles begann. Sowas ist trügerisch. Du siehst das Ziel, du siehst auf die Uhr, wiegst dich in Sicherheit und dann bist du schon gefangen auf der Kaugummiautobahn. Ich schau nach hinten, keiner in Sicht. So schnell war ich jetzt nun auch nicht. Wo ist das verdammte blaue Shirt? Ich schau nach vorne und da unten ist sie, die Märchenburg. Ich werde eine Zeit laufen, besser als ich dachte. Es wird egal sein, das ich am Ende des Läuferfelds laufe. Ich laufe und ich laufe immer noch schneller, als anfänglich gedacht. Ich bin mir sicher da kommt keine Schikane mehr. Selbstsicherheit trägt mich, ich bin jetzt schon glücklich. Ich hab den Kampf gewonnen, haushoch, gegen die Uhr, gegen mich, gegen die Dämonen. Und dann bin ich noch nicht mal Erste von hinten geworden!

Sicher es ist was liegen geblieben. Aber das hol ich mir nächstes Jahr – mein Elm, wir werden uns wieder sehen. Mein Traumpfad ich werd dich vermissen, 365 Tage lang. Ich werd fremd gehen. Mit anderen Pfaden. Vielleicht wird dir der ein oder andere davon gefährlich werden. Aber nach 365 Tagen kehre ich zu dir zurück und dann, dann bin ich wieder da, bei dir und wir zwei, wir werden uns wieder spüren.

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7 Antworten zu Maren schreibt wieder …

  1. ZüperOli schreibt:

    Alte Liebe rostet nicht! Also weder die zum Laufen, noch die zum Schreiben! Ok, den Irrenhausen könntest Du mal austauschen …. sehr animierender Bericht, meine Laufmotivation ist schwankend wie eine Sinuskurve … ich freu mich jetzt auf ein tolles Wochenende an der Ruhr …. wahrscheinlich nicht oder wenig laufend, aber wichtig ist, mitten drin zu sein, mit Freunden. Gut, dass Du laufend schreibst!

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  2. Der Esel schreibt:

    Wow. Das ist genau das, was das Laufen aus macht. Und ich kann Dich momentan nur zu gut verstehen. Ich bin froh, wenn ich mich zumindest einmal in der Woche überwinde, die Schuhe zu schnüren.
    Den Druck einen Wettkampf laufen zu wollen, habe ich mir genommen. Andere Dinge sind wichtig. Und das ist gut. Aber auf der anderen Seite will ich, dass ich gerne einen Wettkampf laufen wollen will. Das ist in den letzten Wochen leider nicht der Fall.
    Aber wie sagte mir mal ein schlauer Mensch? „Was gut ist, kommt wieder.“ – Alles zu seiner Zeit.

    Danke, dass Du das hier geschrieben hast. Denn es macht mir klar, dass es nicht nur mir so gehen kann.

    Liebe Grüße
    vom Esel

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  3. trailwaxl schreibt:

    Sie kommt immer mal wieder, diese unheimliche Unlust. Und sie verschwindet auch wieder. Meistens genauso schnell und unvorhergesehen wie sie gekommen ist.
    Was Du daraus machst ist entscheidend. Auf sie einlassen oder mit Gewalt gegen an kämpfen?Was macht Sinn? Weiß das jemand?
    Du bist Du und machst das daraus was Sinn macht, so oder so. Noch vor ein paar Monaten hatte ich sie auch, diese (Un)lust weil ich ständig an der Bushaltestelle stand 😉 Jetzt ist sie weg und ich bin wieder allein allein.
    Ich hoffe Du bist jetzt wieder in der Spur. Ich wünsche es Dir!

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  4. Willi schreibt:

    Ja, auch ich habe nicht mehr an mich geglaubt.wir haben das Ding
    Gemeinsam zu Ende gebracht und nun habe ich die 72km auch geschafft.
    Biel 100 kann kommen.
    Maren mach weiter!

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    • Maren schreibt:

      Willi, du hier? Ich bin begeistert! Und ich bin sehr begeistert, dass du sowohl den Marathon mit mir als auch den Elm so gut weggesteckt hast. Das ist geil! Mach du bitte auch unbedingt weiter! Ich freu mich auf einen nächsten Lauf.

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  5. Elfe schreibt:

    ‚Es lässt mich mehr ich sein.‘ Das fühle ich auch so. Leider hat mich auch seid längerem diese unheimliche Unlust gepackt- wo die wohl her kommt und ob sie wieder verschwindet? Ich hoffe es, du hast die Kurve gekriegt, das finde ich super.

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  6. maecks alias Lieblings-Ösi schreibt:

    Wie geil ist das denn!
    Und ja, ich will mehr davon 🙂

    Ich kann gar nicht glauben, dass du seit deinem Marathon Erstling im schönen Wien schon 15 (fünfzehn) Marathons gelaufen bist!?
    Mehr als ich!!! Wie konntest du nur je zweifeln 😉

    lg maecks

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