Alpenurlaub 2014 – Eine läuferische Krise in 3 Akten / 2. Der Fall

Nach ein paar Tagen Wandern, lockeren Laufens im Axamer Lizum bei Innsbruck, Kletterns im Karwendel und Einkaufens bei meinem Lieblingsladen in Garmisch kommt nun der eigentliche (läuferische) Höhepunkt, das Ausmerzen meiner Niederlage, meines DNF des letzten Jahres beim TrailManiak im Pitztal.

Anreise ist am Tag zuvor und ich weiß sofort wieder was den Reiz dieses Pitztals ausmacht; diese unheimlich steil aufragenden Berge zu beiden Seiten. Daher auch nur die zwei Übernachtungen um die Veranstaltung drum herum, da hier zum einen das Wetter wirklich ungemütlich werden kann und zum anderen die Sonne auch recht früh „untergeht“, bzw. sich recht früh am Nachmittag der Schatten senkt. Aber es ist schon heftig, egal wohin du läufst, mal vom Talausgang abgesehen, es geht immer gleich zur Sache! Offtopic: Zur Sache geht es hier auch besonders in bezug auf vegetarische Verköstigung. In unserer Unterkunft, direkt gegenüber der Trail-City, dem Start und Ziel des Laufes, hatte ich einmal das schlechteste Essen meiner vegetarischen Kariere – so zerkocht und einfallslos ist es ja noch nicht einmal in der Mensa vor 10 Jahren gewesen …. Aber Kümmel, ja Kümmel, den haben sie hier, in enormen Mengen.

Vor dem Abholen der Unterlagen heißt es erst einmal den Rucksack mit der Pflichtausrüstung packen, da man nur so die Startnummer ausgehändigt bekommt; ziemlich fair finde ich. Der Veranstalter hat geprüft und wer meint nicht alles mitnehmen zu müssen, der spielt eben mit seiner eigenen Gesundheit. Die Nummer, wo denn meine Laufbekleidung und die Schuhe seien kann ich gerade noch abwiegeln indem ich verspreche, nicht nackt zu laufen….will mir schließlich auch keinen Schnupfen holen.

Nach einem richtig schönen Tag mit Maren und Andreas, der dem Ganzen auch ein wenig „skeptisch“ gegenübersteht und dem Briefing geht es erst zum Essen und dann in eine unruhige Nacht. 95Km und 7000hm warten und die Wettervorhersage lässt böses ahnen: kalte Temperaturen und schon bald nach dem Start soll Regen folgen.

Nach einer recht schlaflosen Nacht geht es zum Frühstück wo ich auch recht schnell auf Andreas treffe und wir uns noch ein wenig Mut machen, aber irgendwann heißt es dann ja auch immer langsam rausgehen und auf das „Go“ warten…komische Momente, ein Abschied von Maren, die mich an der Rüsselsheimer Hütte besuchen will und einen schönen Tag in den Bergen verbringen möchte; wäre ja auch eine Alternative?? Ne, Spaß beiseite, jetzt will ich auch das volle Programm.
Nach dem Start geht es erst einmal im Dunkeln an der Pitze entlang Tal auswärts, bevor es dann in Plangeross in engen Serpentinen steil aufwärts in Richtung Kaunergrathütte auf 2800m geht – erst durch den dichten Wald im Tal am Wasserfall hinauf, dann im stetigen Wechsel zwischen Laufen und schnellem Marschieren über ein paar Wiesen am Lussbach entlang in die Hochebene und über einen Seitenmoräne zum Karlesegg auf 2450m. Der Untergrund ist mal matschig nass, mal verblockt aber laufbar. Die unterschiedlichen Stirnlampen der Mitläufer machen es mir einfach diesen ersten Abschnitt sicher zu laufen, ich komme gut rein, es macht Spaß. Beim Blick zurück sehe ich zum einen das gegenüberliegende Massiv, welches sich mit dem Voranschreiten der Dämmerung immer deutlicher vom Horizont abzeichnet und zum anderen nach unten, der sich nach oben schlängelnde „Licht“-Wurm. Einfach imposant!

Es dämmert immer mehr als wir endlich nach noch nicht einmal 8Km und 1:45 die Kaunergrathütte erreichen; eifrig versuchen die Hüttenwirte uns mit kleinen Köstlichkeiten und Getränken zu versorgen und schaffen emsig Becher herbei. Riesigen Dank.

Von der Kaunergrathütte geht es weiter hoch über einen Grat zum Steinböck Jöchle auf 2920m und da hier die Wege sogar recht passabel sind, kann gelaufen werden. Der Blick von hier ist atemberaubend, zum einen die Wildspitze, den gesamten Geigenkamm und überall ragen Dreitausender auf und bilden eine imposante Kulisse. Wahnsinn, solche Momente erleben zu können, es ist schon ein verdammt geiler Sport, den ich mir zum Hobby genommen habe. Es geht nun wieder bergab und laufbare Passagen wechseln sich immer wieder mit ausgesetzten und auch seil-, bzw. kettenversicherten Abschnitten ab. Ich muss zugeben, dass ich mich hier nicht mehr so richtig wohlfühle. Für mich erfordert das andauernde Abschätzen wie hoch nun einige Felsen Blöcke usw. aufragen erbliche Energie und die Tatsache, dass der Weg zur Rechten manchmal senkrecht abfällt, sorgt nicht unbedingt für Besserung. Von dem nassen rutschigen Geröll will ich hier einmal ganz schweigen, aber mit der Zeit spielt sich auch das ein wenig ein und trotzdem oder auch gerade deshalb kommt was kommen muss…. An einem Felsen muss ich recht steil nach unten und rutsche mit dem rechten Fuß ab, bekomme aber zum Glück in der Panik vor dem Sturz zum abfallenden Rechts die Kette zu fassen. Sagte ich Glück? Eigentlich bleibt nur der linke Ringfinger darin stecken, verkantet und autsch… im Reflex gelingt es mir diesen aus der Öse zu ziehen, knalle aber dafür mit dem Knie und dem Oberkörper auf dem Felsen auf… Aufatmen, ich bin nicht richtig runtergefallen ….Aufatmen, Autsch ….aber irgendwie passt es, Schmutz von den Händen und vorsichtig weiter, doch was ist das…ich stehe völlig neben mir, muss wohl Adrenalin sein. Ich merke nicht viel, und beginne erst einmal weiter zu laufen….es geht wieder über eine Geröllhalde nach unten in Richtung Mittelbergle See auf 2450m. Ich bin verunsichert und laufe nun wirklich unrund. Beim Erneuten Wegrutschen fange ich mich mit dem rechten Stock und merke wie doll mir die rechte Seite wehtut, ich versuche tief einzuatmen. Fehlanzeige. Upps, da ist was im Argen. Hilft ja nichts ich muss weiter und kämpfe mich über richtige Geröllhalden runter zum türkisblauen Mittelberglesee. Wunderschön, zum Wandern ein Paradies. Gerade kann ich mich gar nicht erfreuen, ich habe Angst vor dem nächsten Abstieg, ich habe Angst, dass ich etwas Ernstes habe. Ein erneuter Sturz wäre den Rippen wohl definitiv nicht zuträglich. Ich merke wie ich jeglichen Mut und damit auch Sicherheit verloren habe, das kann nicht gutgehen…

Mittlerweile gibt es keine Wege mehr, sondern ich suche mir den Weg durch Geröll und Schneefelder – entweder anhand der Wandermarkierungen oder der TrailManiak-Fähnchen. Ich will hier runter, das Atmen schmerzt und jeder Rutscher verursacht Schmerzen im Rumpf und ich rutsche viel, verdammt viel und ich treffe eine Entscheidung. Eigentlich habe ich sie schon vor Minuten getroffen! Doch nun, da sie sich immer mehr manifestiert, habe ich echt Probleme, ich hadere mit meinem Hobby, zumindest so wie ich es bis jetzt ausgeführt  habe. Ich will nicht mehr hart und extrem, ich sehe ganz klar meine Grenzen … Angst und Laufen will ich so nicht! Definitiv! Und das tut weh, verdammt weh. Ich rufe Maren an und sage ihr, dass ich aufhöre, mit diesem Lauf, diesem Extremen.

Es geht nun über einen völlig aufgeweichten Pfad ein paar hundert Hm nach unten. Schön rutschig! Toll, geile Nummer und dann endlich die Kontrollstation. Ich sage, dass es mir reicht! Also einfach auf der Marathon-Strecke runter nach Trenkwald; einfach nur runter, aber irgendwie ist alles egal und ich bekomme von dem Weg wirklich nichts mit, meine Gedanken sind wo anders. Irgendwann bin ich unten in Trenkwald und sehe Maren, die mir entgegengekommen ist. Einfach nur Schön! Und extrem wichtig in diesem Moment. Dank dir Maren, dass du so etwas mit machst.

Wie in Trance geht es nach oben, in Richtung Mandarfen… ich rede, Maren hört zu. Ich schweige, Maren schweigt. Das tut gut. Danke, ich liebe dich!

Es wird ja immer wieder gesagt, dass solche Läufe etwas mit dir machen; ja dieser Lauf hat etwas mit mir gemacht und das tut weh und es erfordert einfach eine Entscheidung, eine vielleicht schon sehr lange fällige Entscheidung!

Mandarfen: Es hat sich herumgesprochen, der Sani schaut sofort auf mein Knie…da ist doch gar nichts. Oder doch? Das Blut, das am Bein runter läuft spricht eine andere Sprache, wird aber auch erst morgen wehtun, nichts Beängstigendes. Erst einmal der Zeitnahme Bescheid sagen. Danach zurück zum Sani, dem Justus… die Rippen sind wohl nur geprellt, nichts gebrochen….nichts gebrochen? In mir schon, nicht so extrem wie einige vermuten, aber auch das reicht.

 

Ach ja, der Andreas, der hat die aufgrund der Wetterverhältnisse geänderte Strecke hervorragend gemeistert.

Pitztal_blog

To be continued …

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Über Ultra Snob

Urteile erst über mich, wenn du mich kennengelernt hast .... alles andere wird wahrscheinlich in Vorurteilen enden - die Grenze zwischen "Arsch" und Freund ist schwammig.
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2 Antworten zu Alpenurlaub 2014 – Eine läuferische Krise in 3 Akten / 2. Der Fall

  1. ZüperOli schreibt:

    Was für ein Bericht …. was für ein Erlebnis … was für ein Ende des zweiten Aktes …
    Das erinnert mich an den düsteren Teil der „Herr der Ringe“ Trilogie (ich hab’s aber gelesen und nicht nur faul im Kino gesessen!). Auch hier schien es kein gutes Ende zu nehmen, aber der dritte Teil, der hat alles wieder rausgerissen. Das (der) Gute hat am Ende gewonnen und daran glaube ich auch hier fest!

    Gefällt 1 Person

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