Besuch bei den Neandertalern: Ein Lauf unter gänzlich schlechten Vorzeichen -Die Neander-Ralley

Ich liege hier, mit einer fetten Erkältung, möchte meinen Hals killen und meine Nase will mich um die Ecke bringen. Aber das war’s wert. Ja, nenn mich doch verantwortungslos. Na und?! Ich bin erwachsen, es ist mein Körper und wenn ich über die Grenze gehe, dann hab ich das zu entscheiden, zu verantworten, zu ertragen. Und das hier, ja das war diese Ralley wert, ganz und gar!

Ich hab wieder Lust, richtige Lust. Lust auf’s Laufen! Lust auf’s lange Laufen, richtig lange Laufen. Lust auf’s Laufen mit Schmerzen, trotz Schmerzen. Lust auf’s Leiden, auf’s Kämpfen, kämpfen gegen sich selbst.

Und das alles nur, dank dieser Neander-Ralley. Dank dieses kleinen, erstmalig stattfindenden, privat organisierten Einladungslaufes. Dieser Lauf, der so unscheinbar daher kam. Und so große Spuren hinterließ.

Blende!

Samstagmorgens 4:30 Uhr und wir frühstücken im Auto auf der Autobahn. Wer kommt eigentlich auf so bescheuerte Ideen? Ja ins Neandertal wollte ich schon immer mal aber weder Jan noch ich sind ausgeschlafen genug dafür. Und ich hab dazu noch Hals. Den hab ich seit Mitte der Woche. Ich hoffe, der Tee, der Salbei, der Ingwer, das Schaltragen und das Nichtlaufen vor der Ralley helfen. Ich könnte mir einreden, dass sich mein Halszustand gebessert hätte. Aber ich könnte mir genauso gut einreden, dass mein Trainingszustand seit meiner erzwungen Rausnahme beim APM vor zwei Wochen, sich ebenfalls, auf magische Weise, verbessert hätte. Es trifft beides nicht zu, in keinster Weise. Wobei, der Hals könnte auch psychosomatisch sein. Der nicht vorhandene Trainingszustand ist und bleibt leider bittere Realität.

Es ist 6:30 Uhr, es dämmert schon längst und hier vor Toms und Sannes Haustür stapeln sich die wild Entschlossenen …und am meisten wird über den individuellen, nicht vorhandenen Trainingszustand gefachsimpelt und wer denn nun Erster von hinten auf welcher Distanz sein darf.

Ach ja die Distanzen und das Drumherum: Es gibt offizielle 45km und 70km. Dank der Sturmschäden und eines opportunistischen Bauers gibt es seit 48h vorm Lauf 47km und 77km mit Golfplatzbegehungen, Baumklettereien II. Grades, Killerkühe und mehr. Zum Glück gibt es den Weg als GPS-Track.

7Uhr-nochwas: ab jetzt verliere ich vollständig das Zeit- und ziemlich schnell auch das Raumgefühl. Der Anfang ist schon mal gut, richtig gut. Mir gefällt es hier in Tom’s Hauswald, auf seiner Hausstrecke mit der absoluten Abwesenheit von versiegeltem Boden. Es ist süß hier, es ist leicht, es geht sanft runter, es geht sanft hoch, ich fühl mich gut und ich habe Lauflust. Guckt man geradeaus, sieht man die feuerrote Sonne gerade aufgehen. Guckt man nach links, sieht man die Abbruchkante zum Rhein hinunter. Vor mir ist grad noch Jan erkennbar, hinter mir sind die anderen Läufer hörbar. Es fühlt sich wie ein großer Spaß an, den Kinder miteinander haben, zeit- und gedankenlos. Und wumms!

Wumms – bedeutet kein Sturz, nur der Fall, mein Fall in meine ganz eigene gesundheitliche Realität zurück. Ich gehe. Ich laufe nicht mehr. Nach nicht mal gefühlt einem Kilometer des Laufens. Ich schwitze, meine Haare sind nass, mein Atem schwer und mein Gedanken unten, ziemlich weit unten. Das jetzt schon?! Hätte ich jetzt nicht gedacht. Ist der Hals wohl doch zu dominant. Systeme erstmal checken und weiter bewegen. Das geht zwar aber das ist nicht leicht, nicht leichtfüßig. Jetzt bin ich hinten bei Tom, der tatsächlich wie angekündigt, den Besenläufer gibt. Er spricht mir Mut zu. Erinnert mich und hat den besten Plan, den ich seit langem vernommen hab für mich in peto, der mich erstmal bis zum zweiten, großen Verpflegungsposten (VP) führt. Und diesen VP sollte man gesehen haben, da gibt es all das, was sich Tom so an Verpflegung bei so einem Posten, bei so einem langen Lauf immer wünschen tut. Der 2.VP, muss man wissen, befindet sich irgendwo nach knapp 2/3 der Strecke, wenn man da ist, dann steigt man auch nicht mehr aus. Das kapier ich aber erst später. Der ist schon clever, dieser Tom.

Ich komme am Schloß Hogwarts an, allein. Kein Tom, keine anderen Läufer, nur zwei erstaunt dreinblickende Golfer. Schloß Hogwarts ist die intime Rückseite eines hochherrschaftlichen Golfresourt. Meine Güte, haben die ein schönes Stückchen Erde hier für sich abgestaubt! Wo lang? Den Berg hoch, sagen die Golfer, da seien schon andere Läufer lang, aber das sei falsch. Hm, meine Uhr sagt: mach mal hoch da! Es läuft wieder und das ist schön.

Nun sind die anderen auch wieder da, Tom sammelte sie ein. Keiner von dieser Herde wollte, konnte oder durfte seinem eigenen GPS-Track glauben, sondern sie waren alle genötigt dem Sozialzwang zu folgen und sich kollektiv zu verirren. Aber hier sind wir nun, wie ein Rudel Verrückter, eine Horde Kinder, beim Wandertag. Das ist alles so schön, so schön mit diesen Menschen hier, diesen Tag, dieses Erlebnis teilen zu können, zu dürfen.

Nach dem Golfplatz, nach dem Baumkletterpark mit eingelegten Verfallern, nach den Wasserdurchquerungen und Matschuntiefen, nach den Bauernhöfen, mit sovielen Pferden, dass ich denke hier ist heute Ponyhof, ja nach all dem, was einen schlagartig die Zeit vergessen lässt, hat es sich eingelaufen. Eingelaufen für mich und wohl auch für die anderen. Ich lauf hinten, wie angekündigt. Aber ich lauf nicht allein, neben Tom sind da noch zwei andere, die könnten wohl schneller, machen sie aber nicht. Es ist nett mit ihnen, mit allen dreien. Die düsteren Gedanken sind weg, obwohl die Haare immer noch nass sind, obwohl ich heute wohl auch nicht mehr aufhören werde zu schwitzen und obwohl der Atem sich auch nicht als leicht gehend bezeichnen lässt. Aber es geht mir gut. Und da ist der 1.VP mit Sanne, der besseren Hälfte von Tom. Wobei, bei den beiden sweethearts ist es wirklich nicht einfach zu sagen, wer die bessere Hälfte ist; ich finde die sind beide ziemlich komplett und bilden ein tolles Ganzes. Sanne strahlt mich an, ich sie und ich weiß, es geht für mich weiter. Jetzt wo ich die Verantwortung des Besens von Tom übernehme, jetzt muss ich ja bis zum 2.VP. Und ich will bis zu diesem 2.VP.

Wir sind zu dritt und laufwandern. Das Navigieren ist nicht immer einfach. Aber das macht ja sowieso nichts, weil ich von der Umgebung kaum etwas mitbekomme. Umso mehr bekomme ich von unserer Interaktion zu dritt mit. Wir tauschen uns aus. Es wird persönlicher. Und das gefällt mir, die beiden gefallen mir. Anscheinend scheint es heute hier, bei diesem Lauf nur tolle Päärchen, schöne Konstellationen zu geben.

So langsam werden die Beine schwer, die Oberschenkel fangen an, eine Stimme in meinem Kopf zu finden. Na, hätte mich auch überrascht, wenn das heute nicht eingetroffen wäre . Ich denk mir, ab jetzt beginnt der Kampf und denk mir, das wir noch lange andauern. Doch ich täusche mich, sind schon über 20km rum und außer den kleinen Zicken da unten, an denen meine Füße dran sind, geht’s mir gut. Mir geht’s gut, trotz Hals und sonstiger diverser körperlicher Gebrechen.

Und gut geht’s mir auch als Jan uns entgegen kommt. Da war kurz vorher schon einer, ein Läufer, der sagte kein Wort. Jetzt kommt Jan, knapp dahinter und der sagt umso mehr. Schön zu hören, dass es auch ihm gut geht, trotz Fuß. Heute scheinen nicht nur alle in schönen Konstellationen zu laufen, sondern heute scheinen auch alle mit irgendeiner körperlichen Nichtkonstitution zu laufen.

Nach Jan, an der Straße zum 2.VP, zum Ziel, zum Zwischenziel, kommen dann die anderen. Konzentriert, alle zusammen, in einem Pulk. Ich raffe erst viel später, dass hier bis auf die Überfliegerschnellen alle, alle 47er und alle 77er zusammen laufen. Ich freu mich sie zu sehen. Nur einer fehlt… und der steht am VP. An DEM VP! Dem Verpflegungsposten schlechthin. Ach Verpflegungsposten trifft es gar nicht, ich sag‘s österreicherisch: der Labestation, Lust, Luxus, Labestation. Ich finde, nächstes Jahr sollten die VP’s hier in LLL umbenannt werden. Das wird ihnen gerechter. Dieser hier ist Läufersschlarafenland!
Da gibt es süße Schnittchen, da gibt es herzhafte Schnittchen, da gibt es Wurst, Käse und Pflaumenkuchen… und es gibt Kartöffelchen, eine ganze Schale voll Kartoffeln! Und Margarine und Salz dazu. Ich richte mich ein und bleibe. Meine beiden Begleiter, Svenja und Dennis, sind schon wieder weg gezogen, der Thorsten, denn ich hier treffe, will auch schon längst weiter, ich eigentlich auch… aber nur noch eine Kartoffel und warte, noch eine… und noch eine. Und eine für den Weg noch. Hmmm. Später erfahre ich das es auch Bier und – der Luxus pur – Oliven (!) an diesem Stand gab. Zum Glück mag ich beides nicht – sonst wäre ich da nie weg gekommen… und hätte all den anderen Läufern (die hier nochmals vorbei gekommen wären) definitiv alles weggefuttert. DAS war ein wahrer Läuferverpflegungstraum – ich bin immer noch hin und weg. Kartoffeln sind jetzt meine absolute Lauflieblingsnahrung und ich weiß jetzt, wie sich ein spontaner Lauffressflash anfühlt. Auch wie er sich danach anfühlt, beim Laufen. Das war dann wohl doch eine klitzekleine Kartoffelkes zu viel. Upps.

Ich brauch nicht allein zu laufen. Jetzt ist Thorsten bei mir. Der muss mich fast vom Stand wegfräsen. Er meint, er kommt mit uns zurück (die anderen sind aber doch schon aus Sichtweite?!). Und er meint, er wird wohl mehr wandern als laufen. Na, das wollen wir mal sehen! Runter zu wird gelaufen, weißt doch, Schwerkraft und so. Wir laufen dann mal… und er quatscht. Ich sag einmal nicht viel, ist auch selten sowas. Und während es so läuft, sind da auch schon die anderen beiden, Svenja und Dennis. Und es läuft weiter. Wir sind zu viert und es ist, als ob es nie anders war. Sehr natürlich, sehr gelassen, sehr ungezwungen. Ich genieß das … und ich glaub jeder der anderen auch. Jeder läuft mal wieder an, jeder läuft mal vor, jeder hängt sich mal an die Fersen des anderen und jeder sucht mal den Weg zurück. Ich glaub, so fühlt’s sich an, wenn du im Flow bist. Dennis sagt später „Das lief harmonisch!“ und er hat sowas von Recht damit.

Wir treffen Sabine am letzten VP. Saufen den kläglichen Rest Cola, den Jan uns übrig ließ, auch noch den armen … anderen, die hinter uns noch kommen werden, weg. Wir sind so zusammen. Ein großes Ganzes, fühlt sich zumindest so an. Würden die Sabine glatt mitnehmen aber sie hat heute eine andere Aufgabe… und einen ornithologischen Forschungsauftrag (für Nicht dabei Gewesene: Die Sabine saß den ganzen lieben langen Tag mit ihrem VP an nem Teich und konnte dabei eine Feldstudie über das samstägliche Leben der Blässhühner anlegen – ich hoffe sie bekommt ihren Doktortitel dafür ;-)).
Die Schmerzen sind jetzt Dauergast in meinen Oberschenkeln und vielleicht auch woanders. Aber das ist ok. Mir gefällt das sogar. Und ich will mehr laufen als gehen. Ich lauf jetzt sogar Steigungen hoch. Bei Kilometer 42 bockt mein Kopf, auch das geht vorbei. Und dann könnt ich laufen und laufen und immer weiter laufen. Ich hab Lauflust, unbändige Lauflust, jetzt und… anhaltend danach. War da je was, dass ich dachte, ich bring das heute nicht zu Ende? Gab es je Läufe, die ich je nicht zu Ende brachte? Wieso? Geht doch! Läuft doch, auch mit Hals und nicht vorhandenem Trainingszustand. Aber ich glaub, so ohne Hals und in gut trainierter Verfassung und v.a. mit gesunder Verfassung geht mehr. Aber manchmal muss ich eben was wagen. Und das war gut so, scheißegal ob es riskant war.

Epilog: Der Lauf ging gut zu Ende, sehr gut. Für alle und jeden einzelnen von uns, von uns allen Läufern und allen Beteiligten. Der Lauf an sich, die Organisation, der Support, das „Auf-den-Händen-tragen“ danach, waren überwältigend. Ehrlich, diese Ralley war singulär, der Hammer, perfekt! Und das Schöne ist, es dauert nicht mal ein Jahr mehr und dann gibt es wieder eine Ralley, bei Tom und Sanne, mit all den anderen, da im Neanderland: Da sind wir dabei, wieder dabei!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Marens Pfad abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Besuch bei den Neandertalern: Ein Lauf unter gänzlich schlechten Vorzeichen -Die Neander-Ralley

  1. trailshredder schreibt:

    Klasse, ganz lieben Dank! Ich freue mich auf euch an Pfingsten 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s