Sollingquerung, die Dritte – My angel of pain, I’m ready to come to you“ (TOBA – Pain)

Mein Finger tut gar nicht mehr weh: Gut so! Ich dachte fast eines der Gelenke wäre dabei drauf gegangen. Ist es aber nicht: Gut so!

Meine Oberschenkel tun auch fast nicht mehr weh: Gut so! Dann kann ja morgen mit dem Auslaufen ein Trainingsplan beginnen!

Meine Füße tun auch schon nicht mehr weh: Ja genau, GUT SO! Dann kann ich mir ja morgen direkt nach der ersten Trainingseinheit neue für mich besser passende Schuhe kaufen.

Und dass das alles so gut ausging, war eigentlich gar nicht so zu erwarten, hat auch mehr mit Glück, ein wenig Herz und einer ganzen Menge Sturheit  als mit einem Quäntchen Restverstand zu tun.

Wie kam das? Da bei der Sollingquerung (SQ), die ich bereits zum dritten Mal lief … und immer noch nicht richtig darauf trainierte. Jedes Mal das Gleiche aber jedes Mal auch wieder ganz anders.

Die SQ, dieser 48km lange und an die 1.000HM+ hohe, freundschaftliche Landschaftslauf, der durch das größte Wald- und Hügelgebiet Niedersachsens zieht, der für manch einen zeitlich am Ende einer Laufsaison liegt; diese SQ ist für mich immer wieder ein tipping point, eine Erkenntnis, ein Aufbruch … und steht meist immer eher am Beginn als am Ende von etwas.
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Ich laufe hier auf den ersten Kilometern und quatsche, scherze mit den anderen und merke doch, dieses Tempo werde ich nicht gehen können, nicht über die gesamte Distanz; ich werde die anderen ziehen lassen müssen. Doch nicht alle lass ich ziehen, es dauert noch bis ich mich ans Ende des Feldes rückwärts gekämpft habe; noch sind welche hinter mir. Das wird aber wohl nicht mehr lange dauern bis ich die rote Laterne übernehme. Meine Beine sind jetzt schon müde! Dabei sind sie noch nicht mal richtig wach gewesen heute Morgen … und die ersten Kilometer sind gerade erst rum.

Das Wetter. Ja, über das Wetter bei der diesjährigen SQ muss man unbedingt ein paar Worte verlieren. Das Wetter ist der Hammer. Wir haben Anfang November und es soll bis zu 20°C warm werden. Auf den Kanaren wäre das nichts Besonderes aber an der Weser? Na ja, einige mögen dieser Prognose nicht recht glauben… bei dieser Nebelsuppe hier unten in Bad Karlshafen ist das wohl auch recht schwer, auf so etwas zu hoffen. Aber Leute, traut’s Euch doch, glaubt doch dran … und lasst die dicken Teile weg!

Oben auf der Abbruchkante zum Wesertal hin, da wo der Weserblick ist, da sieht man dann die Verheißungen des Wetters. Das sind einmalige Eindrücke, das ist einfach hammerhart schön hier, da vergisst man jegliches Wehwehchen. Du läufst im mitteldeutschen Mittelgebirge, nicht viel höher als 500 N.N. und du schaust auf die watteweiche und zuckerweiße Wolkendecke runter aus der sich an der anderen Seite sanft eine andere Hügelkette heraus pellt, als ob sie gerade aufsteht und die Sonne begrüßt. Oh, und diese Sonne, die hat so ein warmes weiches, rotes Licht. Und sie spielt mit dem gelben, roten und noch grünen Blattwerk der Bäume, blinzelt durch, kitzelt die Augen und sagt dir, dass es Zeit ist, dich aus deiner zweiten Schicht zu pellen.

Dieses Wetter, diese Natur, diese Leute mit denen du läufst, machen es dir einfach, machen’s leichter, mit den leichten Schmerzen außen am Knie und in der vorderen Mitte der Oberschenkel zu laufen, zu genießen … und dein Tempo ist auch nicht mal so schlecht, wie du es erwartet hattest.

Spätestens an dieser Stelle nehm ich mir vor, mal zu schauen, was ich kann. Ich glaub schon, dass ich auch diese SQ hier zu Ende laufen werde, glaub ich zumindest. Da wäre es doch auch mal ein Versuch, möglichst lang das Tempo – für meine Verhältnisse zumindest – hoch zu halten. Mehr als abkacken kann ich ja nicht. Wäre doch mal eine Idee, zu versuchen zu kucken was da so geht, auf so einer kleineren Ultradistanz, mit etwas mehr Feuer im Hintern. Ich versuch’s zumindest und denk nicht daran, wie’s ausgehen könnte.

Erster VP… und du darfst durch‘s Labyrinth. Die sind hier so toll, so geil, ich mag die Leute aus dem Solling… und ich mag die Leute hier, die diesem Lauf ihr Herz geben. Hier bist du in Schloss Nienover, einer Stadt, die es nur irgendwann mal, 100 Jahre im Mittelalter gab und die heute peu a peu wieder aufgebaut wird. Doch das weiß ich alles erst jetzt, nachdem ich mal etwas darüber gelesen hab; früher dachte ich immer, das hier wäre ein hübsches mittelalterliches Bauerngehöft. Weit gefehlt, das war es nicht nur. Und extrem hohe und extrem beeindruckende Häuser konnten die damals auch schon bauen.

Überhaupt fällt mir bei dieser SQ heute auf, wie abwechslungsreich diese Strecke doch ist. Ich sagte immer, wegen der Strecke brauchst du nicht zu kommen, du musst wegen der Leute und ihrem Herz für diesen Lauf kommen. Aber die Strecke? Nun ja, ist halt hauptsächlich Forst, Wald- und Wiesenweg. Der Solling, ja der ist schon nett aber die Strecke gibt nicht viel her. WAS habe ich mich geirrt! Und dabei lauf ich hier doch gar nicht zum ersten Mal. Aber jetzt, unter den heutigen Vorzeichen, da sehe ich die Schönheit. Die kleinen schnuffigen Örtchen, ob noch da oder wieder da. Der Wald, seine Farbenpracht, sein Geruch, wie er doch den Blick in sich hinein Raum gibt und die Vorstellung fliegen lässt. Die Hügel, die lieblich ausschauen und doch so knallhart sein können. Das Hochmoor, das man nicht beschreiben kann, weil jedes Wort über dieses es begrenzen würde. Die Strecke, die nicht nur Waldautobahn ist, sondern dir viel mehr gibt… wenn du mal deine Augen und deinen Kopf richtig öffnest.

Zweiter VP … meine Beine wollen pennen und dabei fängt der Spaß ab hier erst so richtig an, alles hiervor war freundliches Intro. Ich weiß das noch zu gut, so gut funktioniert meine Erinnerung dann doch noch. Die nächsten 10km werden hart für mich. Hier hatte ich letztes Jahr einen meiner tiefsten Tiefpunkte … beim Laufen. Ich bin vorbereitet, zumindest mental, und weiß doch, dass es jetzt schwer wird. Jetzt kommen 10km stetiges Bergauf. Bergauf, das dich zermürbt. Es ist nicht steil, es ist nicht zu fies, es wiegt dich immer wieder in Sicherheit … und dann zermalmt es dich. Es macht dich ganz langsam, ganz leise, aber ganz sicher fertig, ganz sanft daher kommend aber dann von hinten zieht es dir einen über den Schädel… und noch einen … und noch einen … Ich weiß das, oh ja, da kann ich mich noch so gut dran erinnern … und nehm mir hier für heute mein altes Mantra vor, ihm zu folgen, wenn’s denn geht. Und wenn’s nicht mehr geht, dann kurz zu gehen aber sich dann auch wieder dran zu erinnern und von vorn aufzustehen und es zu befolgen: „Wenn du’s laufen kannst, dann lauf!“

Neben diesem Mantra arbeite ich heute mit unlauteren Mitteln! Ich pack mir Die Toten Hosen auf die Ohren. So ganz sicher bin ich mir ob meiner „mentalen“ Stärke dann doch nicht.

In der Mitte von dieser, meiner persönlichen (Lauf-) Hölle befindet sich VP Nr.3, der VP der lieben Frauen mit den liebevoll geschmierten Brötchen. Die Frauen sind heute auch wieder so nett und freundlich und lieb wie eh und je, aber wo sind die Brötchen heute? Ich fordere meines ein und bekomme es. Schnapp es und zieh weiter. Heute mach ich keine Gefangenen, aber ich hoffe zu den beiden Holden nicht allzu barsch gewesen zu sein.

Irgendwann, irgendwo schnappte ich auf, doch nicht am Ende zu laufen. Dass da noch wer hinter mir kommt; weiß ich wohl, wie viele das dann doch sind, erfahre ich erst an irgendeinem der schon genannten VP’s. Ok, gut so, der Blick zur Uhr lässt auch leichte Hoffnung aufkeimen. Na dann werd ich mal versuchen weiter so stur zu sein – scheißegal, dass die Beine, das Knie, die Füße, oh ja, diese Füße und jetzt auch noch der linke Ellbogen einen Schmerzkrieg gegen mich anzetteln.

Kilometer 27,7! DER Punkt! Hier trete ich aus meiner Laufhölle raus und laufe. Ab jetzt wird es nicht mehr so schwer. Ok, es ist noch ein Stück aber die Zermürbung hab ich hinter mir. Voraus liegt das Hochmoor, das Stückchen Strecke, dass dich so warm umarmt, nach dieser Rauheit hier. Und dann steigste auch nicht mehr aus. Auf den Weg ins Moor, geht’s erst nochmal durch den Wald, so richtig durch den Wald, auf schmalen Pfaden, über moosfeuchte Holzbrücken, den Hang hoch … und Rums!

Ich liege auf`m Hintern, der Arm mit dem verdrießlichen Ellbogen bekommt jetzt auch noch einen peinigenden Zeigefinger und ein Oberarmhämatom hinzu. Wegen des Fingers mach ich mir wirklich Sorgen … im weiteren Lauf. Aufstehen, Adrenalin wieder runterfahren und weiter eiern. Ich guck nach vorn … und seh da eine Läuferin. Die kenn ich, die war doch am Start so schnell, so weit und dann ganz aus meinem Sichtfeld verschwunden. Ich dachte, ich seh sie erst im Ziel wieder, aber nein ich seh sie hier, direkt vor mir. Nun gut, dann nehm ich das Geschenk mal an und lauf ab jetzt nicht nur mehr gegen meinen Körper.

VP am Hochmoor: immer wieder schön und toll und warm und so so herzlich. Ich will nur trinken, kann nichts essen, brauch nichts essen, auch wenn es mir so verlockend angeboten wird. Cola rein, Messer (oder Möhrchen – wie man’s will) zwischen die Zähne, Hirn auf sturr und los: Jag! Ich krieg sie, die Läuferin von eben, und muss Raum zwischen uns schaffen, dass ist vielleicht fies aber ich hab das Gefühl, ich muss das jetzt mal tun, ich will doch wissen was geht. Beine schreien, ja, aber der Teufel in mir schreit auch… und seine Stimme ist lauter. Vor mir sind noch zwei Läufer: langsam ran ziehen, nicht „über“pacen und einsacken. Ich weiß was kommt, nur noch eine Steigung und dann nur noch 10km rollen lassen … und wenn’s geht, etwas Gas geben. Ich denk die ganze Zeit, es sind nur 46km – wahrscheinlich Läuferdelirium. Aber mit der Pace auf meiner Uhr, der derzeitigen Zeit und dem was da noch kommt, wäre doch fast ne PB auf dieser Strecke drin. Ich überlege und rechne … und rechne mir was aus.

Oben! Blick nach hinten, komfortabler Abstand zu den nächsten nach hinten und vorne, da unten, im Gefälle, da ist der Nächste: Also jag mal! Das tut weh, so weh. Aber gehen hilft jetzt ja auch nicht. Zum einen, weil es das Leiden ja nicht wirklich lindert und es länger dauern lassen würde. Zum anderen, weil ich dann nicht den da vorne überholen würde. Ab und an muss ich aber doch mal gehen. Shit! Aber er muss auch gehen, immer wieder … und schließlich sammle ich ihn auch ein. Und seh schon den nächsten: Man, hört das denn nie auf?

Rein vom Kopf her bin ich high. Rein körperlich könnte ich mich echt ermorden. Wirklich jetzt, dass tut weh! Aber der Blick auf die Uhr, der Blick nach vorn, diese Blicke versprechen Verlockung, pure Verlockung. Also scheiße noch mal, beiß die Zähne zusammen und lauf was geht! Irgendwo hier ist doch auch der letzte VP und dann kommt auch schon der Wurzelfad und dann nur noch runter und rein ins Ziel. Also los jetzt! Bis zum VP dauert es, es dauert eine Ewigkeit… und dann steht der auch noch woanders als sonst.

Ich bin im Fluss, ich bin so im Lauf und so außer Atem. Die sind so geil hier, die klatschen, die freuen sich und ich freu mich auch: Wenn’s nur noch 4km sind, dann geht das auf mit der PB. Kommt schon, sagt mir dass es nur noch 4km sind! Was 5? Nein sagt es sind 4 – BITTE! Danke und Küsschen!

Der andere Läufer am Stand nimmt mich mit, tröstet und zieht mich. Beim Wurzelsteig lässt er mich vor… und bleibt unerklärlicherweise zurück. Es geht runter, ich höre immer noch Musik und höre das Lied, dasjenige welches mir einen klaren Moment schenkt. Nicht gleich aber irgendwann mitten im Lied raffe ich das endlich: „No pain, no gain, down or high. No pain, no gain, live or die. My angel of pain, I’m ready to come to you.“ (TOBA – Pain Album Version)

Im Ziel haben mich meine Schmerzen nicht übermannt, meine Gefühle schon. Die PB wurde um 58sek. versemmelt aber was soll’s, der Lauf war einer der Geilsten, die ich hatte – das probier ich bestimmt noch mal, so laufen auf Anschlag, mit Möhre zwischen den Zähnen!

Yeah baby, yeah baby, yeah – Ich liebe dich, SQ!

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5 Antworten zu Sollingquerung, die Dritte – My angel of pain, I’m ready to come to you“ (TOBA – Pain)

  1. Ariën Walgers schreibt:

    Immer schön zu erfahren wie es den Läufern so geht auf seine Strecke, mit soviel gefühl hatte selbst ich nicht gerechnet, aber sehr schön zu lesen, so wie du von der SQ begeistert bist, bin ich von dein Laufbericht, Super gemacht.

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  2. Schalk schreibt:

    No pain, no gain!
    Und dann so viel Spaß am Gasgeben.
    Glückwunsch zu der Erkenntnis! Damit wirst du auch die Rechnung im Februar begleichen. Und da kann ich dabei sein. Ick freu mir!
    Vor allem freu ick mir für dir.
    😉

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  3. Elfe schreibt:

    Kleene, du bist ne große Kampfmöhre, hihihihi. Das hat richtig Spaß gemacht, zu lesen wie du dich überwunden hast und durchgedüst bist, einen nach dem anderen eingesammelt hast (da habe ich mich bei dir visualisiert). PERFEKT! So schee, küss die Hand!

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  4. trailwaxl schreibt:

    “ 😉 “ und ein „nochmal Herzlicher Glückwunsch“
    sollten noch dran. Aber da war ich wohl zu schnell beim senden.

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  5. trailwaxl schreibt:

    Hör doch auf. Du machst das alles nur um neue Schuhe zu kaufen. Haste selber geschrieben

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