TransGranCanaria – mein Marathon: Himmel – Sterben – Hölle!

Prolog:
Ich wollte ihn laufen, diesen Lauf, diesen Marathon; dies wollte ich seit einem Jahr, seit meinem Nichtstart in 2014, unbedingt! Und jetzt stehe ich tatsächlich wieder hier, hier auf Gran Canaria und bin wieder für ihn angemeldet und… werde ihn laufen, diesmal, ja, werde ich ihn laufen, egal was da kommt ( na ja, ok nicht ganz egal, aber es wird nichts dazwischen kommen, nein diesmal nicht).
Wieso ich ihn nicht schon letztes Jahr gelaufen bin? Nun ja, weil ich da meinen ersten DNS  verbuchen durfte. Ursächlich dafür war der frühe Sturz von Jan, meinem Mann, bei seinem TGC, danach war mir mein eigener Lauf so ziemlich egal. Aber heute ist das anders, heute fällt er nicht, heute fall ich nicht und heute laufen wir dieses Abenteuer beide zu Ende.

Ich hab mir den Lauf hier in drei Abschnitte eingeteilt; alle sind mehr oder weniger ähnlich lang, was die bloße Kilometeranzahl betrifft, jedoch was die Beschaffenheit, die Charakteristik an sich betrifft, da ist jeder einzelne Abschnitt für sich besonders.
Die erste Etappe von El Garanon bis Tunte geht erst kurz (und knackig) hoch auf den höchsten Punkt der gesamten Insel, zum Pico de las Nieves (1938m) und ab da dann runter auf alten Königspfaden auf eine Höhe von ca. 850m. Ich nannte diesen Abschnitt auch den „Himmel“.
Die zweite Etappe, von Tunte bis Arteara, geht auf den ersten oberflächlichen Blick von ca. 850m auf ca. 420m hauptsächlich auch nur runter; dass es zwischendrin jedoch nochmal auf knapp 1200m hoch ging, ja das hatte ich überhaupt nicht auf dem Zettel. Auch der finale Abstieg nach Arteara runter soll ein Menschenfresser sein, angesichts seiner Steilheit und Wegbeschaffenheit, habe ich mir sagen lassen. Diese Etappe bekam aus gegebenem Anlass den Titel „Das langsame Sterben“.
Und den dritten und letzten Abschnitt von Arteara bis ins Ziel in Maspalomas kannte ich bereits aus Testläufen ganz gut. Hier ging es den Baranco von Fataga runter, von der Streckenbeschaffenheit nicht anspruchsvoll, aber von der geographischen Anordnung her prädestiniert dafür, dich bei Tageslicht genüsslich und umfassend unter der Sonne des Südens bis auf den letzten rohen Zipfel deines Körpers (und deiner Seele) zu grillen. Das wusste ich schon, da war ich mental drauf eingestellt, konnte ich den Lauf der Sonne doch nicht ändern, und nannte in meiner eigenen „Streckeneinteilung“ diese Etappe „Die Hölle“, das war sowas von bezeichnend.

Da ich nun einmal eine langsame Läuferin bin, aus einem Jahr ohne wirklich strukturiertes Training kam und sowieso nicht gerade in der Form meines Lebens bin, gab ich mir idealistisch für jede der Etappen eine Zeit von 3h, d.h. 9h für einen Marathon, langsamer war ich noch nie. Das war mein ideales Maximalziel! Mein optimales Ziel war überhaupt das Ankommen an und für sich und in einem Stück zu bleiben, war mein Minimalziel. Da ich die ersten beiden Etappen also nicht einschätzen konnte und schon viel Mysteriöses davon hörte, schrieb ich mir sicherheitshalber die Cut Off Zeiten der einzelnen Etappenziele auf meine Startnummer: sicher ist sicher.

Der Himmel:
Es geht los! Auf einem Campingplatz in einem total schönen lichten Kiefernwald, geht es los. Ich bin gespannt, nicht aufgeregt. Denk nur immer daran: Ankommen und nicht fallen! In einem total schönen lichtem Kiefernwald ist es ja auch nicht so schwer, so gelassen zu sein.

Hier stehen viele, ziemlich viele rum. Und es dauert, bis ich durch das Tor laufen, nun ja, gehen kann. Dann folgt erst mal ein Antraben. Irgendwie ganz gemütlich so. Ich hab noch die ganz nette Rockmusik von eben, vom Start im Ohr. Die pusht schon. Und die Stimmung, die die Läufer und anderen Anwesenden, mehrheitlich Spanier verbreiten tut ihr Übriges. Irgendwie mag ich es schon ziemlich, mit diesen Menschen hier zusammen laufen zu können. Mal schauen, wie lange ich das auch halten kann. Bis jetzt geht’s ja ganz gut, aber gleich kommt der erste, der deutlichste Anstieg meiner Strecke.

Dieser Anstieg soll 250HM+ auf ca. 2km haben. Na ja, hier ist man ja auch noch frisch und wenn schon, ich hab ja Stöcke dabei. Womit ich nicht gerechnet habe, ist, dass es hier zum Stau kommt und ich mitten drin stecke und nicht hinten dran oder gar, wie ein laut schnatterndes, herumwuselndes, alles tuendes nur nicht laufendes Pärchen, diesen Stau gar noch verstärke. Was soll’s, ich ziehe vorbei, mit der Masse ziehe ich vorbei, mit dem Lindwurm, mit einem Lächeln und fühl mich so gut wie schon lange nicht mehr bei einer Laufveranstaltung.

Sagte ich eigentlich schon, dass es schön ist hier, so unglaublich schön?! Das liegt nicht nur an der Natur, die ist schon großartig und foppt dich. Du guckst hoch, denkst dir „Ach, da ist ja schon die Baumgrenze, da muss Oben sein!“ und dann siehst du, dass dieses Oben einfach nur die Abbruchkante einer der vielen Schluchten hier ist und es an dieser noch weiter hoch geht, immer weiter. Ich denk nur an den Beginn des Pitztal Gletscher Marathons, und denk mir, schlimmer kann’s nicht werden. Und außerdem befinde ich mich hier mitten, ja in der MITTE der Läufermasse. Nicht hinten. Und ich muss warten. Ja ich! Und nicht ich verursache, dass all die anderen hinter mir, die vermutlich schneller wären, warten müssen. Ich fühl mich ja echt so wohl hier, so wohl hab ich mich selten, ich glaube noch nie in einem Anstieg gefühlt. Und das liegt auch und zu einem großen Anteil an den Menschen, die diesen Pfad hier mit mir teilen. Diese Menschen machen es möglich, dass ich es hier schön finde, voll und unglaublich schön.

Und eines der schönsten, nein nahezu DAS schönste Erlebnis dieses Laufes habe ich auch hier, direkt am Anfang: Da kommt von hinten der Ruf „Paso, Paso!“ und noch mehr, was ich nicht verstehe. Aber die Körpersprache der vielen um mich herum, ja die verstehe ich. Im Stau wird ein Tunnel frei gemacht, von unten kommen Unruhe, Geklatsche, Anfeuerungen und eine Läuferin hoch. Sie zieht konzentriert aber doch mit einem Lächeln an uns vorbei, wir feuern sie an, sind aus dem Häuschen und schwups, ist die kleine, nicht mal einen Meter breite Gasse hinter ihr wieder geschlossen. Das war aufregend! Das war genial! Wir kucken uns alle an, lachen und haben das gleiche Strahlen wie die Läuferin – ihr Name ist Caroline Chaverot, die spätere Zweitplatzierte Frau beim 125er – im Gesicht. Dieser Lauf wird gut! Ich bin im Laufhimmel, glaube ich zumindest.

Nun sind auch wir an der Reihe zu laufen. Wir sind oben, oben am Pico de las Nieves, dem höchsten Punkt der Strecke, die Kugel des Observatoriums, die hier steht, sieht man fast im gesamten Osten und Süden der Insel. Und genau hier, an diesem Punkt, bin ich jetzt. Außer einer Asphaltstraße und toller Leute am Rand, sehe ich hier nicht viel. Irgendwie will ich nur vom Asphalt runter und will den Boden, den unversiegelten Boden Gran Canarias unter mir spüren. Und da ist er, der kanarische Erdboden, in Form eines viel betretenem, weglosen Plateaus aus ausgewaschenem Vulkangestein. Der Laufspass nimmt an Fahrt auf. Ich mach einen Schritt vor dem anderen. Nichts anderes zählt hier, nichts außer die pure, direkte Zeit, die Sekunde, die Minute, das Jetzt, welches du hier gerade verbringst und während dessen du über die kleinen Wasserlöcher springst, dir deinen Weg suchst und wie ein Kind gespannt der nächsten Überraschung entgegenfieberst.

Und da ist sie, die Überraschung, die eigentlich keine ist. Du betrittst zum ersten Mal (zumindest in meiner Erinnerung zum ersten Mal bewusst) einen der „Camino royales“, einen der alten Königswege, ein Weg, den die Altkanarier, die Guanchen anlegten, um über ihre Insel zu kommen. Ich bin fasziniert und muss doch höllisch aufpassen nicht zu stolpern. Immer sind noch andere Läufer um mich herum, ich werd noch nicht durchgereicht nach hinten, noch nicht. Und ich darf hier laufen, hier wo auch schon die Alten gingen. Ich bin hin und weg, freu mich und genieß einfach den Augenblick, will, dass er nicht endet.

Auf diesem Camino royales denke ich an einen älteren Lauffreund, Herrn Herzlich. Der war hier 2 Wochen vor uns und meinte, dass diese Wege so gut wie nicht laufbar seien. Na gut, richtig Gas geb ich hier nicht; traue ich mich nicht, wäre aber bestimmt saucool wenn man das könnte, aber ich will mich nicht schon wieder bei nem Lauf „abrollen“. Daher mach ich das, was die anderen hier um mich herum auch machen: Versuchen mit angezogener Handbremse schnellstmöglich runterzukommen. Das funktioniert. Und macht Spaß.

Tunte, ich bin da, viel früher als ich dachte und an einem Stück. Bei mir keimt ganz zarte Begeisterung auf. Soll das heute tatsächlich gut ausgehen? Ich bin gut 70 min. vorm Cut off hier rein … und bin damit weiß Gott nicht die einzige. Also einfach weiter machen; vorher noch Trinkblase und Co. auffüllen, essen was geht und weiter auf den Track.

Das langsame Sterben:
Es geht hoch, durch den Ort und raus. Ich esse noch den restlichen Käse und trink etwas von der neuen frischen Iso-Mischung aus der Blase und warte auf den Punkt wo ich anlaufen kann. Der Punkt kommt noch nicht, noch lange nicht. Hier geht’s einfach zu sehr hoch und irgendwie pump ich grad wie ein Maikäfer, der auf dem Rücken gelandet ist. Was ist das? Ist das jetzt schon der Tribut für meine schlechte Kondition und dem Laufspass auf den ersten 15km? Alles nervt gerade und ich wandere erstmal stur weiter. Irgendwann geht das Anlaufen; draußen, wieder in der „Wildnis“, auf einem breiten Wanderweg mit Wanderern drauf. Aber das fühlt sich nicht gut an. Ich bin genervt und verdamme alles: Scheißkäse, wieso musste ich den essen? Scheiß-Isotablette, wieso musste ich die gerade hier zum ersten Mal ausprobieren? Pures Wasser hätte doch auch gereicht! Scheiß Cap, welches mir immer wieder vom Kopf geweht wird. Scheiß Anfängerfehler!

Ich werd gewahr, dass jetzt der Spaß anfängt, jetzt kommt er raus, der wahre Charakter dieses Laufes. Ich wusste gar nicht, dass es hier so lange, so hoch geht. In einer anderen Verfassung könnte ich das laufen, könnte ich zumindest mehr Strecke davon laufen, aber heute?! Heute sterbe ich gerade hier, hier auf diesem eigentlich harmlosen Streckenabschnitt. Ich werde überholt, einer nach dem anderen sammelt mich ein. Ich guck nach vorne, sehe entfernt, dort hinten da geht ein Weg einem Gegenhang hoch, da müssen wir doch wohl nicht? …. So ein Mist, da sind viele kleine bunte Läufer drauf! Ich stell auf stur und mach was geht.

Zwischendurch denke ich immer mal wieder an Marco. Ein guter Freund, Lauffreund, der aber bewusst sagt, dass er sowas hier, also sowas mit so ganz vielen Höhenmetern und auf ausgewiesenen Wanderwegen, nur wandern wollen würde. Oh Marco, was hättest du hier für einen Spaß! Das ist eine so schöne Gegend, da würde dir das Wanderherz aufgehen. Ich muss dir, wenn ich zurück bin, unbedingt eine Wanderquerung auf GC empfehlen. Echt jetzt, das ist voll schön hier… wenn man das alles hier nicht laufen müsste. Warum mache ich diesen Scheiß nur? Warum bilde ich mir ein, bei sowas dabei sein zu müssen? Es zu können? Warum MUSS ich hier laufen wollen und nicht auch einfach mal gemütlich wandern wollen? Warum fahre ich immer wieder auf diese sauschwere Kacke wie das hier ab?! Ey echt jetzt! Wenn ich hier raus bin, raus aus dieser verdammten langsamen Sterbehölle, dann mach ich so was nicht mehr; dann will ich, dass ich sowas nicht mehr machen will. Wieso nur kann ich hier nicht auch einfach mal nur wandern und froh dabei sein?

Der Tiefpunkt ist erreicht, nachdem mir Wanderer auf Deutsch zurufen „Maren, du schaffst das!“. Das ist zwar aufbauend und sehr schön, persönlich in der eigenen Sprache hier angesprochen zu werden. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, innerlich bin ich aber in der Finsternis angekommen. Nur noch hoch da, um die Ecke und weiter.

Mittlerweile hab ich meine Bauchbeschwerden unter Kontrolle. Und mittlerweile sitzt mein Cap auch anders herum, da nervt’s nicht mehr so. Und meist, wenn ich das Cap dann mal so trage, dann hat sich auch was an meiner Einstellung geändert (ihr wisst schon, wie der alberne Sylvester S. in diesem affigen Muskel-Protz-Film als Trucker und mit ohne Handlung); am ehesten könnte man sie mit einem sturen „Fuck off!“ beschreiben. Ich lass auch nicht mehr jeden an mir vorbei ziehen. Ich habe das Gefühl wieder mehr zu laufen und gucke zuversichtlicher in Richtung Abschnitt 3. Ich bin zwar im Arsch aber das schaffe ich auch noch.

Und dann kommt der Abstieg, der Weg runter nach Arteara. Du kannst es schon erahnen, fast sehen, das Dorf da unten im Baranco, nur ein Weg durch eine locker felsige Flanke mit einem gefühlten Höhenunterschied von, na ich sag mal, bestimmt 700 Meter liegt da zwischen dir und der Oase da unten. Na dann wollen wir mal! Ich steig ein in den Pfad, den Trail. Dieser Weg, der wird in meinem Bewusstsein so zum Synonym für den TGC. Der Weg ist geil… nur eben für Könner laufbar. Ich bin keiner von ihnen aber ich bin in meinem „Runterdalaufwanderschritt“ immer noch schneller als andere Läufer vor mir. Ich find den Weg hier geil und sammle einen nach dem anderen ein. Die gehen hier, die versuchen noch nicht mal zu laufen. Das sind gestandene Läufer, die hier zu gehenden Leichen werden. Ich sehe hier viel Unglück; Läufer, die humpeln, Läufer, die eine noch schlechtere Körperhaltung haben als ich, Läufer, die sich unsicher wie Kinder, die gerade das Gehen lernen, fortbewegen und Läufer, die nicht mehr laufen, sondern im Schatten vor der gnadenlosen Hitze Zuflucht suchen. Versteht mich nicht falsch, ich bin hier nicht arrogant, ich schau nicht auf diese Läufer herab, ich bin nur wahnsinnig froh, dass es mir hier augenscheinlich besser geht als ihnen.

Dieses Stück Strecke hier gibt mir was. Was, weiß ich nicht; lass es Zuversicht sein, lass es Erholung sein, lass es Adrenalin sein. Ich werde vorbei gelassen, immer noch und ich lauf mehr als das ich gehe. Ich sehe nach unten und sehe, ich bin immer noch im Lindwurm der Läuferschaft hier. Und die, die ich eben noch da unten vor mir sah, die hab ich jetzt schon hinter mir gelassen.

Es geht auf’s letzte kleine Stückchen runter nach Arteara, lass es einen Kilometer lang sein. Es geht mir gut hier, nachdem ich da oben gestorben bin, langsam, grausam den mentalen und konditionellen Tod fand, freue ich mich nun auf meine persönliche Hölle, Gluthölle, da unten ab Arteara: Los TGC komm, den Tod hab ich besiegt und jetzt kommt unser letzter gemeinsamer Akt.

Die Hölle, die Gluthölle des Barancos:
Schon in Arteara weiß ich, dass ich sowas hier wieder machen werde, wenn man mich lässt. Ach überhaupt: Arteara! Wie das klingt! Die Oase, am Ende der Beschwerlichkeit und das Tor zum einfachen Ritt gen Süden. Arteara, du bist heute, hier und jetzt das, was für andere vor vielen vielen Jahren, Jahrhunderten Byzanz, nein gar Timbuktu war. Du bist heute mein Tor, durch welches ich gehen muss, um anzukommen, verändert anzukommen.

In Arteara weiß ich, ich schaff das. Ich werde nach Hause laufen, ja, das schaffe ich heute! Das ist so wundervoll, so unglaublich, dieses Wissen plötzlich, wie mit einem Vorschlaghammer, eingetrichtert zu bekommen: ICH LAUFE HEUTE NACH HAUSE! Und da gibt es nichts mehr, was mich davon abhalten wird. Dieses Gefühl, dieses Wissen in mir zu spüren, das war, das ist überwältigend. Ich bin high! Will mich nicht lange hier aufhalten, obwohl es einer der schönsten Plätze für mich auf dieser Insel ist. Heute. Heute ist es einer der schönsten Plätze für mich. An keinem anderen der 364 Tage, nicht wenn es hier menschenleer ist, sondern heute, nur heute ist Arteara mein Place to be, mein Eldoraro, mein goldenes Timbuktu. Und ich ziehe mit dem breiten Grinsen, mit dem ich hier rein lief, von dannen. Ich laufe, als ob ich gerade losgelaufen wäre. Ich trage ein breites, wissendes, Lächeln im Gesicht, mein Lieblingsberliner, Falk, würde sagen, die Ohren bekommen Besuch. Und ich fühl mich frisch, so frisch, nach 5:30h Lauferrei, in diesen Calima gepeinigten Bergen, auf dieser durchaus nicht immer laufbaren Strecke, mit meiner durchaus nicht dem stetigen Laufen zuträglichen Form; nach diesem Mörderabstieg, wo ich so viele „gehende Untote“ auf zwei Beinen gesehen, überholt habe, nach all diesem fühl ich mich, als könnt ich Bäume ausreißen. Und ich ziehe los, in die wahrhaftig gewordene Gluthölle!

Das Tal der Gluthölle! So ist mein Name für diesen Baranco de Fataga, in dem die Oase Arteara liegt und durch dem Du, jeder hier durch muss, der heute bei diesem Lauf nach Maspalomas will. Sowohl letztes Jahr als auch dieses Jahr bin ich vor Hitze in diesem Tal fast vergangen. Die Strecke hier ist nicht schwer, geradezu einfach, nur dein Zustand wird dir, gepaart mit der Hitze, die sich hier staut, Schwierigkeiten machen. Nach diesem Tal hier weiß ich, das Wüstenläufe was für andere sind aber nichts für mich. Ich stell mich auf meine persönliche Gluthölle hier ein und bin froh, dass die Sonne nicht mehr im Zenit steht. Obwohl ich heute langsamer, weniger laufend als beim Testlauf, hier unterwegs bin, laufe ich immer noch nicht allein. Ich habe die Gewissheit, das ein nicht unerheblicher Teil der Marathonläufer sich noch hinter mir auf der Strecke befindet und ein paar, die vor mir sind, die überhol ich gerade. Das hier ist zwar ein Katz- und Mausspiel aber ich hab nicht das Gefühl zu verlieren, hier drauf zu zahlen.

Und dann ist man da, vor dem Betonwerk, am letzten VP. Und die feiern da. Es reißt mich nicht so mit, wie in Arteara, aber ich bin dennoch begeistert. Ich bin viel mehr mit mir beschäftigt, mit meinen kleinen, aufkeimenden, ganz zarten Ambitionen. Jetzt ist es nicht mehr weit und die Zeit bis hierhin sieht viel besser aus als ich dachte. Ok, ich könnte das hier (mit der entsprechenden Kondition) sicherlich schneller aber ich hab viel weniger erwartet. Also los jetzt, keine Zeit mehr verlieren und ich versuch zu laufen.

Da ist er, der von allen so genannte „Baranco“, der Abflusskanal zum Meer. Das Einfallstor ins Herz von Maspalomas. Die Directisima zu den Dünen und dem Leuchtturm. Letztes Jahr hatte ich Angst vor ihm, vor diesem Baranco, da war er eine einzige Anreihung von nicht enden wollender Stolperfallen und damit die Verheißung von Schmerzen. Dieses Jahr hab ich mich mit ihm schon einmal vorher verabredet und siehe da, er kann auch nett sein, er kann dir sein Geheimnis verraten und den geheimen, laufbaren Weg hindurch offenbaren, nur, das muss ER wollen. Und heute will er es nicht, er bleibt heute ein Rätsel und ich muss über die Stolperfallen und durch das Unendliche hindurch.
Am Rande des Barancos sitzen Menschen. Mit gefüllten Gläsern, einem Lächeln und dem vermeintlichen Genuss am beginnenden Abend. Sie scheinen hier Spaß zu haben, vielleicht auf jemanden zu warten und… sie feuern Dich, mich an. Ja mich. Das habe ich heute schon oft erlebt und bin doch jedes Mal wieder baff erstaunt und fröhlich, dass ICH angefeuert werde, von wildfremden, so freundlichen Menschen. Sie rufen oft das Gleiche, das Einzige was ich verstehe ist „Chica“ „animo“ „venga“ und manchmal auch alles auf einmal. Mehr geht nicht. Aber sie schauen dir jedesmal ins Gesicht, direkt in die Augen, gucken tiefer in dich hinein und schenken dir ein dermaßen offenes, tiefes Lächeln, dass dir einfach das Herz aufgeht, du stehen bleiben und ihnen mindestens das gleiche zurückgeben möchtest. Nur leider steht das irgendwie im Gegensatz zu dem was du hier machst, was du hier eigentlich willst, vermeintlich willst. Und schon bist du wieder zurück, im Baranco. Vor dir sind Läufer, so viele Läufer. Manche überholst du, manche überholen dich. Es ist ein gemeinsames Durchleiden, Durchkämpfen. Du überschlägst wie wenige Kilometer Strecke noch übrig bleiben und wie viel Zeit du hier dafür bräuchtest, in diesem Zustand und fragst dich, wann endlich dieser Baranco mit den tausend Brücken vorbei ist. Und dann ist er da, der Ausstieg. Doch auf dem Asphalt, auf der versiegelten Fläche fällt das Laufen auch nicht leichter als vorher.

Du wiegst dich in Sicherheit. Weißt schon, jetzt kommt der Touristenslalom. Erst über die Holzbohlen am Strand und dann die Promenade entlang, an der Bar der Schönen und Guckenden, ins Verkehrszentrum hinein und dann ins Ziel. Doch stopp, was ist das? Die Holzbohlen sind für dich tabu, du darfst durch den feinen tiefen Sandstrand, 400 Meter lang und dann wirst du in deiner unendlichen Begeisterung über diesen unglaublich einfach zu laufenden Untergrund – auf dem unerklärlicherweise alle gehen, keiner läuft hier! – auch noch für die Ewigkeit abgelichtet. Echt jetzt, ihr Organisatoren vom TGC dies hier war die Einzige, winzig kurze Zeit, wo ich Euch nicht mochte. Aber ich kann euch ja verstehen. Es ist ja logisch. Es ist der Trans-Gran-Canaria-Run. Und da gehört neben der grandiosen Natur, den schroffen Wegen, den krassen Abstiegen, den glutheißen Barancos und dem Touristenslalom auch der fies zu laufende Sandstrand der Dünen zu. Vollkommen richtig und konsequent!

Und dann ist er da, der Zieleinlauf. Die letzten 7km haben sich gefühlt nochmal so lang gezogen wie ein eigener kleiner Marathon. Nun endlich lauf ich drauf zu, auf das grüne Tor, das was ich seit den letzten 365 Tagen wollte, das was ich die letzten 8:16:xx herbeigesehnt habe: Ja, das tue ich jetzt, genau das tue ich jetzt! Finish!

Epilog:
Direkt danach fühl ich Freude; je länger es andauert, umso mehr Freude fühle ich. Und dann, etwas später und noch Tage andauernd, fühle ich Stolz, ja richtigen, puren, nur allein auf mich bezogenen Stolz. Und jetzt, ein paar Wochen danach, zurück im alten Leben, ja da fühl ich, dass es, dass dieser Lauf mich verändert hat, eine Veränderung die mir manchmal, in versonnenen Momenten, ein Lächeln auf’s Gesicht zaubert. Und ein Gefühl, das mir Gewissheit gibt, das ich es kann, ja tatsächlich die mir ganz eigene Kraft besitze, offene, schon lang zu begleichende Rechnungen abzutragen; Und diese Rechnung hier, mein lieber TGC, ist beglichen, sowas von beglichen! Ich hab hier, auf dieser Insel, alles gemacht, was ich machen wollte, ich schließe mit ihr in voller Zufriedenheit ab.

Danke Gran Canaria für diese tiefgreifende Erfahrung, doch wenn Du, Du Transgrancanaria mich rufst, mich wieder rufst, ja gut, dann kehre ich zu dir zurück!

Und nun auf, auf zur Nächsten – animo venga!

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9 Antworten zu TransGranCanaria – mein Marathon: Himmel – Sterben – Hölle!

  1. Pferdchen schreibt:

    Maren, einfach nur genial beschrieben, war grade wieder dort und ich will auch unbedingt! Rechnungen muss man begleichen! Du hast da so einen super geilen Lauf hingelegt und ich war auch sooo stolz auf Dich, auch wenn ich etwas mit mir selbst beschäftigt war. Genauso, wie Du es dort beschrieben hast, die Königswege, die Pascal vorher schon gepostet hatte…einfach nur traumhaft und ich habe es aufgesaugt jeden Meter dieser Tour und selbst noch zum Schluss. Ich möchte da wieder hin, egal, ob laufend oder wandernd aber nicht mit dem Rennrad…das ist mir doch zu anstrengend da hoch! ;o) Danke für diesen bewegenden erinnernden berührenden emotionalen herrlichen Bericht!
    Lieben Gruß Pferdchen

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    • flyingjaren schreibt:

      Ich danke dir, liebes Pony! Und bzgl. des direkten Danachs: Da waren wir beide ganz bei uns. Auch ich wußte nicht, wie ich da auf dich zugehen sollte. Jetzt weiß ichs, aber beim nächsten Mal gibt es sowieso eine ganz andere Reaktion, weil es ein anderes Ende gibt, nicht wahr?!
      Und Rennradfahrer sind sowieso … und überhaupt… sollten einfach auf Mallorca bleiben, nicht?!

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  2. ZüperOli schreibt:

    Da ich, wie so oft, das letzte Wort haben muss:
    1. Jan: Ich verstehe das mit dem „mitunter anstrengend“ voll und ganz :-)!
    2. Maren: Was für ein Lauf, eine Leistung und ein Bericht darüber! Animierend, mitreissend und spannend geschrieben. Ich wollte da nicht dabei sein, war ich aber jetzt mit Dir! Und der Jan, also der, der der Hut zog, ja der soll sich mal nicht so anstellen wegen Deinen Spleens ;-)!!

    Ganz liebe Grüße an Euch beiden! Der ZüperOli

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    • flyingjaren schreibt:

      Hey, was soll das heißen, ich hätte Spleens und sei anstrengend?! Aber mal ehrlich, so ganz ohne wäre doch auch einfach zu unaufregend, oder?
      Also mein lieber Züper, es hat mich gefreut, dich dabei gehabt zu haben. Vielen Dank für deine lieben Worte. Ich hoffe, wir laufen uns bald wieder über den Weg: Meet me at the bottom of the Jackenberg!

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  3. yazi schreibt:

    Das ist ein so ergreifender Bericht, ich schniefe jetzt ein bisschen und bin soooo beeindruckt, von Deiner Willenskraft, und noch viel mehr von Deiner Fähigkeit, Dir selber beim Laufen zuzugucken und das Ganze anschließend so lebendig abzurufen. Wow – ich werde so etwas niemals tun, aber ich bin sehr dankbar, bei Dir davon lesen zu dürfen. Oh ja, Du kannst sehr stolz auf diesen Lauf sein.

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  4. trailwaxl schreibt:

    Lese ich da zwischen durch so pöhse Worte? tztztz
    Auf diesen Lauf zwischen Himmel und Hölle kannst Du besonders stolz sein. Du hast Dich durch alles durchgebissen was es da so gab. Jeder Lauf ist anders und da ich das Gelände nicht kenne kann ich nur vom Hörensagen und Bilder gucken beurteilen und dann nochmal 40% draufrechenen. Und von daher: RESPEKT! Ich kann Deine Gefühlslage wirklich gut nachempfinden.
    Auch ich find es sehr stark das Du das machst was Du willst. Denn für Dich machst Du es schlussendlich. Und das ist Dir gelungen. Darf ich auch sagen das ich stolz auf Dich bin?

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  5. Ultra Snob schreibt:

    CHAPEAU!
    Egal, was andere sagen oder denken oder was ich manchmal sage, du machst dein Ding und das finde ich gut! Sehr gut sogar! ( Wenn auch mitunter anstrengend, aber das ist ein anderes Thema!)
    Hier hast du etwas richtig Großes geschafft; ein wirklich anspruchsvoller Lauf und du hast diesen gefinished und vor allem genießen können…Wahnsinn! Ich bin unglaublich stolz auf dich! Aber das bin ich sonst ja auch 😉
    Jetzt müssen wir wohl noch einmal hin … was du dann dort machst, bleibt deine Entscheidung. Marathon, Advanced oder vielleicht einfach nur wandern, wer weiss.

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