Ottonenlauf 3.0 – Heute ist der Lange fällig!

Vorweg eine kurze Einführung für die die den Ottonenlauf noch nicht kennen
Der Ottonenlauf findet immer am ersten Augustsamstag auf dem Selketalstieg im Harz, genauer vom Oberharz (Stiege) ins Harzvorland (Quedlinburg) statt. Man kann hier bei drei verschiedenen Distanzen (Ultra= 69km, Marathon= 44km oder Halbmarathon= ca. 25km), welche alle an unterschiedlichen Punkten auf den gleichen Weg einsteigen, starten. Laut Profil geht der Lauf mehr oder weniger bergab, laut eigene körperliche Erfahrung geht er aber genauso auch wieder bergauf, die Höhenmeter sollen so bei 1.400+ für den Ultra liegen. Was die Begriffe „Stieg“ und „Harz“ schon aussagen: es ist ein Landschaftslauf mit einigem, sogenannten „Trailanteil“, durch unglaublich schöne Abschnitte des Höhenzuges. Die Organisation des Laufes hat augenscheinlich eine „Altherrenmanschaft“ fest in ihrer Hand und das ist auch gut so: Der Lauf ist einfach geprägt durch ihre unglaubliche Herzlichkeit und ihr Geschick für einen traumhaften Lauf von Läufern für Läufer. Zur Verpflegung kann ich nur sagen: man muss sie erlebt haben. Hier bei diesem Lauf habe ich das erste Mal einen Verpflegungsstand gesehen, der einem Hotelbuffet mächtig Konkurrenz macht (kein Wunder, dass der Ausstatter dieses VP’s selbst Hotelier ist) und die anderen VP’s stehen diesem hier nur geringfügig nach. Überhaupt die VP’s, die Helfer und die Harzer im Allgemeinen: alle paar Kilometer stehen freundliche, begeisterte Helfer und, wenn die örtliche Bevölkerung meint das reicht nicht, dann wird auch ein inoffizieller VP mit Saft, Dusche, Badewanne und begeisterten Kids aufgebaut.
Für mich gehört der Ottone zu den drei großen Harzultras (Brocken Challenge, Ottonenlauf, Harzquerung), hier fühl ich mich zu Hause, egal wie lange ich nicht da war. Und man sollte sie unbedingt alle mal gelaufen sein: ich nenn sie mein „Harz Tripple“.

Start
Ich komm ganz spät in den Startbereich, bin ganz wusselig. Ich hab frisch ne kleine wund gescheuerte Stelle am Hacken, erst 2 Tage alt, dass kurze Anlaufen vorhin zum Auto fühlte sich nicht gut an. Ich eröffne Jan, dass ich mir das Ganze die ersten 20/ 25km anschaue und dann ggf. aussteige. Ich bin sowieso nicht besonders gut auf die 69km heute trainiert. Es ist wahrscheinlich mein Jahresbester Trainingszustand aber es ist immer noch kein ausreichend guter Trainingsstand, eher ein ziemlich miserabler. Aber was soll’s, ich wollte den langen Ottonenlauf laufen, also mach ich’s eben auch.
Ich hab mir gedanklich die Strecke in 3 Abschnitte eingeteilt; mit dieser Art der Aufteilung scheine ich, seit meinem Marathon beim Transgrancanaria, gut zu Recht zu kommen. Überhaupt bin ich seit diesem Lauf auf den Kanaren innerlich ruhiger, gefestigter, sicherer geworden. Irgendwie habe ich das tiefe Gefühl, dass ich seit diesem Lauf, zumindest was mein Selbstbewusstsein anbelangt, mir meiner und meiner Kraft und dem was ich mir zumuten kann, sicherer bin. Das macht mich ganz tief innen ruhiger, irgendwie sicherer. Also auf zu meinem zweitlängsten Lauf ever, auf zum DNF mit Ansage.

1. Die ersten 25km: Stiege bis Alexisbad
Es geht ganz unaufgeregt los. Ich folge. Achte auf, ach, bin fokussiert auf meinen Fuß, meine Hacke, mit der klitzekleinen wunden Stelle. Das Laufen geht, ist ok, besser als Gehen, wie ich später bemerke. Meine Fokussierung kann ich aber nicht abschütteln. Auch die kalten Hände können da nur nebensächlich von ablenken. Ja, es ist kalt. Wir haben August und es ist so kalt, dass ich mir Handschuhe wünsche. Meine Hände sind knallerot und als ich das sehe, realisiere, sie zu Fäusten ungläubig immer wieder zusammen drücke, da werden sie genauso schnell heiß. Das Blut schießt mir bis in die Fingerspitzen und ich fang an, langsam auch die Welt außerhalb meiner körperlichen Ichbezogenheit wahrzunehmen. Ich fange an diese Kälte zu genießen, zu schätzen, sie sorgt für Frische und für schöne Bilder: Licht, dass nicht beschrieben werden kann, kalt und trotzdem warm; surreale Landschaften, herbstlich gelb und gleichzeitig Frühlingsfrisch grün; ein See und sein Nebel, die ihre nächtliche Umarmung langsam lösen wie ein alter Mann, der seine junge flatterhafte Liebe weiter ziehen lässt. Welt was bist du schön!
Die erste Stunde ist so langsam rum und ich hab mich etwas eingegroovt. Immer auf den Vordermann, auf die gelben Pfeile und im Zweifel auf den Track auf meiner Uhr achtend. Hacke muckt zwar aber das ist vernachlässigbar. Bis jetzt ist alles gut. Ich fasse Mut und lauf so vor mich hin. Treffe die ersten Streckenposten, den Streckenfotographen Willi, mit dem ich so gern ein paar Wörtchen tausche, beim Laufen, auch beim Gehen oder einfach auch nur beim helfen. Heute sind wir beide allein, auf verschiedenen Faden unterwegs. Ich drück ihn kurz und zieh weiter.
Ich überlege, wie ich mir den Lauf heute klein rede, mit welchen Spielchen ich mein Hirn so beschäftigen kann. Ich nehm mal das Rechnen, das ist immer schön einfach und später wird’s dann kniffelig, dass wird lustig. Ich teil mir die Strecke neben meine Dreier-Einteilung auch noch in Zehntel ein, also 7km Abschnitte. Das erste Zehntel habe ich schon hinter mir.
Die ersten VP’s kommen und ich greif bei allem zu. Nicht beim Essen, dass kann ich jetzt noch nicht, außer Kekse, die gehen immer. Aber beim Wasser und Wasser mit Cola, das ist meins. Dummerweise hätte ich hier noch nichts trinken brauchen. Das merke ich erst später, zwischen zwei Zehntel und drei Zehntel der Strecke. Da bekomm ich Seitenstiche oder besser, da bekomm ich so Beklemmungen in der Seitengegend, da wo die Leberspitze unter der letzten Rippe raus spitz, da tut’s weh, als ob mir da ständig einer rein bufft. Immer wieder. Was ist da? Wieso das? Langsamer machen, fühlen, tasten, atmen und beruhigen. Ich glaub, ich hab schon zu viel getrunken. Ich mag nichts mehr aufnehmen… und komm zu DEM VP vor Alexisbad. Dem Hotelbuffet-VP. Ich fühl mich wie der im Märchen, dem immer ein Tischlein mit all den begehrten Leckereien gedeckt wurde, und kann doch nicht zugreifen. Meine Motivation, diesen langen Ottonen hier zu laufen, hat nicht gerade wenig mit diesem VP zu tun. Ich wollte hier auch mal als Läufer ankommen und aus dem Vollen schöpfen können. Und nun bin ich hier und kann doch nicht. Ich bin voll, voll mit Wasser! Die Beiden lieben „Tischlein deck dich“-Ausstatter reden mir gut zu, sind so lieb, und ich hör auf sie. Ich nehm Obst, das geht. Pfirsich ist lecker. Und ich nehm Zitrone mit Salz. Danach muss etwas Wasser hinterher. Das fühlt sich an wie Verarsche: wo bleibt der Tequilla?! Dieses Bescheißerle-Spiel werde ich heute noch öfter spielen. Zum Abschluss gibt’s noch Melone, liebe Worte und ich lass den gedeckten Tisch zurück. Ich lass Kuchen, mit und ohne Früchte, Schnittlauchschnittchen, Käsebrötchen, Schokolade, Nüsse, alles was man sich für den Magen so wünscht, all das lass ich zurück.

2. Die nächsten 20km: Alexisbad bis Meisdorf
Es geht weiter, hoch zum schönsten Stück der gesamten Strecke, mit der Melone in der Hand. Ich bin hier allein. Ich genieß das. Bald werden die Marathonläufer kommen, denn sie starten gleich. Aber noch hab ich diese Strecke hier ganz für mich allein. Solange ich diese Beklemmungen in der Brust habe, wandere ich und versuch, die Aussicht zu genießen. Aber dieses Gefühl, welches den Brustkorb einschnürt, dich nicht richtig atmen lässt, das stört, das stört dermaßen. Das ist Scheiße! Konzentration weg davon und hin zu anderen Körperteilen: Systemcheck! Der Fuß leidet so vor sich hin. Jetzt tut nicht nur die Hacke weh, sondern der Fuß sagt mir, ich solle mich nicht zu sehr auf ihn und seine Trittsicherheit verlassen. Ok, kann ich mit arbeiten, ist aushaltbar. Die Beine sind frisch, mucken nicht und haben nichts dagegen wenn sie laufen dürfen. Verdauung ist top, Kopf ist … nun ja, bekloppt wie immer. Also bleibt bloß noch diese doofe Luft, die mir nicht ausreichend in den Brustkorb strömen will. Irgendwann justier‘ ich meinen Rucksack neu, komm auf die geniale, total abwegige Idee, mal meinen Brustgurt zu lösen. Laufen geht auch so, der Rucksack hält. Passt! Ich fang an, mich zu entspannen. Der Systemcheck war vielversprechend, jetzt könnte es weiter gehen. Und da kommen auch schon die ersten Marathonläufer. Der Dritte von ihnen ist Silvio, ein Vereinskollege, der meist vorne mitläuft. Ich seh ihn zuerst gar nicht, erst als er sich mit so lieben Worte meldet, da erkenn ich ihn. Er zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Und es geht weiter.
Jetzt kommen immer mehr von den Marathonstartern. Ehrlich gesagt, nerven die mich hier. Ich will diese Strecke wieder für mich haben. Ich will nicht überholt werden. Ich will nicht dieses Gefühl von Hetze bekommen, dass sie, für mich, ausströmen. Na los doch, komm, lauf vorbei, lauft alle vorbei, bis ich endlich wieder meine Ruhe hab.
Dann ist es soweit. Ich bin wieder unten. Meine Systeme fahren auf normal, ich habe mich beruhigt. Die Beklemmungen sind weg, der Kopf wieder etwas klarer und die Beine senden immer noch keine Müdigkeitssignale. Ich bin so ca. bei vier, fünf Zehntel der Strecke (oder für die Mathematiker: zwischen km 28 – 35km). Ich fang wieder an, das Schöne an meiner Umgebung wahr zu nehmen. Ich bin hier wohl am Anfang des Selketals, noch vor dem heißen, weiten Taleinschnitt. Hier ist es lauschig. Die Selke ist bereits ein Fluss aber sie ist auch noch ein Waldfluss. Überall sind Bäume und ein Ufersteig der so schön ist, dass ich am liebsten hier rasten und meine Füße im Wasser kühlen würde. Aber das tue ich dann lieber doch nicht.
Ich genieße den Wald, das Flusstal hier. Laufen ist jetzt besser als Gehen. So langsam melden sich auch die Beine. Ich bin jetzt im richtigen Selketal, das ist weit und breit und setzt dich der Sonne aus. Ich lauf hier mehr, als damals beim Marathon. Aber ich geh auch schon. Die haben hier mitten im Tal nen VP hingestellt: krass! Jetzt würde ich eigentlich gern mal Mittag machen und was essen, nur gibt es hier nur noch eine Zitronenscheibe, Salz und Wasser. Die Gurke aus der Eigenzucht des lieben Helfers überlasse ich lieber den anderen. Mich dürstet es nach Zitrone und Käsebrötchen. Das eine bekomm ich, dass andere bleibt ein Wahnbild meiner Vorstellung.
Ich schau ständig auf die Uhr, solang dürfte es doch nicht mehr dauern und dann wäre ich in Meisdorf. Meisdorf, da wäre eine Marathon schon um. Meisdorf, da starten die Halbnmarathonies; da ist es dann nicht mehr weit bis ins Ziel. Meisdorf, da ist der VP im Areal eines Wellnesshotels. Ich stell mir vor, der VP in Meisdorf ist auch voller Wellness. Ich zähle die Meter und harre der Dinge.

3. Der Rest: 25km bis Quedlinburg
Meisdorf! Da ist es, Meisdorf, die Fata Morgana! Das Schlaraffenland meiner wahnwitzigen Phantasie. Ich freu mich, bin wohl ein wenig high. Ich bin bei Kilometer 45, welches Zehntel von der Laufstrecke das hier nun ist, ist mir jetzt schon völlig egal, mein Geist kann keine Rechenleistungen mehr vollbringen. Aber das ist ganz egal, hier ist Meisdorf und mir geht es den Umständen entsprechend gut.
Ich verfranz mich gleich auf dem riesigen Hotelareal hier. Kein Mensch da. Nur ein paar versprengte Läufer um mich herum. Aber keiner hat einen Plan. Wo ist der VP? Dieser verdammte VP! Da unten steht eine einsame Hotelfachangestellte unter einem Pavillon, also da hin. Ihre Auslage sieht nicht aus, wie der VP eines Wellnesshotels aussehen sollte. Ganz und gar nicht. Nur Bananen, Äpfel, Wasser und Cola. Die Enttäuschung macht sich in mir breit. Ich setz mich, einer meiner größten Fehler bei diesem Lauf. Und muss erstmal versuchen zu denken. Ok, Banane und Apfel gehen nicht. Zitrone krieg ich nicht. Cola? Cola nur verdünnt mit Wasser. Ok, nehm ich eben das und zieh hier weiter. Weiter vorn, am Ausgang, bauen sie gerade ein Gartenbankett für eine Festgesellschaft auf… und ich riech die Düfte von Gebratenem, mit Sahne, Kartoffeln jeglicher Variation, Gemüse, eine einzige süße Verheißung auf Sättigung. Doch ich zieh mit wehmütigem Blick weiter.
Jetzt wird‘s wellig und es wird gegangen. Die Meter ziehen sich. Meine Beine sind so deprimiert wie mein Kopf und wie mein Magen. Ich habe keinen Hunger, ich habe schlicht keine Energie. Ich will nichts von diesem süßen Powerriegeln die ich dabei habe. Ich will was Richtiges. Ich will Käsebrötchen … oder wenigstens Butterbrot mit Salz! Ich zieh bockig jeden einzelnen verdammten Meter hier ab. Wie kann das sein?! Eben noch vor Meisdorf so himmelhochjauchzend, so froh und glücklich, dass es trotz Malaisen bis hierhin so gut ging, dass ich so voller Zuversicht war; und jetzt hier, gerade maximal einen Kilometer hinter diesem Ort, so ein Tiefpunkt. Die Oberschenkel schreien. Der Fuß tut bei jedem Schritt weh. Der Tank meldet Reserveverbrauch im roten Bereich und der Kopf stellt auf stur. Laufen? Ja laufen, da war doch was! Im Laufschritt tun die Beine auch nicht doller weh, es kommt nur anderer Schmerz hinzu. Und der Fuß ist beim Laufen beschäftigt, ist weniger schlimm.
Irgendwann während dieser Phase, mitten in den Hügeln zwischen Meisdorf und Ballenstedt ruft Jan an. Er ist im Ziel, jetzt schon, es geht ihm gut. Er fragt nach meinem Befinden, ich gestehe ihm und mir ein, mir geht es gerade nicht so gut, gar nicht gut, ich bin am Tiefpunkt aber ich komme auf meinen eigenen Füßen ins Ziel.
Irgendwann muss doch Ballenstedt kommen! Und da ist sié dann, diese Stadt, auf die ich all meine Hoffnungen setze. Irgendwo hier, wahrscheinlich beim Schloss, ist der VP. Da gab’s letztes Mal Butterstullen mit Salz: Meine neue Fata Morgana! Ich will da hin… doch vorher kommt noch ganz überraschend ein privater VP von ein paar süßen Kidis ganz allein organisiert (ok, Mutti hat auch ein wenig mit geholfen). Egal, dann nehm ich eben den zur Rast. Mir ist eingefallen, dass ich mein halbes Frühstücksbrötchen im Rucksack habe, belegt mit Käse. Ich will das haben. Jetzt! Hier! Und ich will meine Trinkblase auffüllen. Ich krieg beides bloß nicht wirklich hin. Und beim Gewusel mit Kopf unterhalb des Herzens wird mir blümerant. Oh! Oh, oh! Aufpassen! Die Systeme fahren nicht sauber: hinsetzen! Hinsetzen ist zwar doof für die Oberschenkel aber gut für den Kopf. Ich werde umsorgt: Blase wird aufgefüllt, ich bekomme so ein Getränk gereicht und das Käsebrötchen ist jetzt vorn verstaut im Rucksack, jederzeit griffbereit. Der Butterstullenstand soll nicht weit weg sein, sagt man mir. Also mach ich mich dahin auf, mein geliebtes Käsebrötchen kann ich auch danach noch essen.
Da ist er, der Hoffnungsträger, der Butterstullenstand, hinterm Schloss von Ballenstedt. Und es gibt tatsächlich noch Butterstullen, sogar mit Salz drauf. Und Kuchen gäbe es auch aber ich will nur das eine, na gut eine zweite Schnitte lass ich mir gern noch schmieren. Ich verweil hier ein bisschen. Die haben auch noch große Wasserbottiche stehen. Ich bediene mich daran, Kaltes Wasser aufm Kopf, kaltes Wasser im Nacken, kaltes Wasser im Gesicht und so langsam kommen die Lebensgeister zurück: ihr habt mich gerettet, ihr Ballenstedter ihr: D A N K E!
Jetzt geht’s zum Osterteich. Der Kopf ist wieder klar, die Zuversicht kommt. Ich kann wieder laufen, endlich laufen. Scheiß auf die Schmerzen, die hören erst auf, wenn ich aufhöre, also weiter hier. Hier gibt es Kutschengespanne, mit Menschen drauf, die dir ein anfeuerndes, liebes Wort zurufen. Stille Wege, wo direkt vor dir ein Reh rüber huscht. Und Blindschleichen, die ebenfalls meinen Weg kreuzen und dabei gar nicht in Hektik verfallen. Die Welt wird wieder schön!
Am Osterteich bin ich neidisch auf die ganzen Leute, die da im Teich baden. Der VP hat zum Glück eine kleine Kinderbadewanne mit kaltem Wasser parat stehen. Mir ist so ziemlich alles egal, so fange ich an, am Wet-Tshirt-Contest teilzunehmen. Das tut gut! So gut! Während dessen bekomm ich die Frage gestellt, die wohl jeder Ultraläufer kennt: „Warum tut Ihr euch das an?“ Ja warum? Auf diese Frage gibt es keine schnelle, keine einfache, keine einheitliche Antwort. Und doch versuche ich genau das: schnell, einheitlich, all umfassend zu antworten: „Weil es wohl eine große Abenteuerreise zu deinem innersten Selbst ist!“ Und ich begreife, das hier ist es wohl für mich: Eben etwas ganz selbstbezogenes, in seinem eigenem (Schmerz-) Universum versunkenes Erleben seiner selbst. Bis ich keine bessere Antwort gefunden habe, bleibe ich wohl erstmal bei dieser.
Hier verlaufe ich mich heute nicht. Ich nehme den richtigen Abzweig, den richtigen Berg hoch. Das ist jetzt der letzte Anstieg. Ich nutze das Wandern und zieh das letzte Motivationsstrohhälmchen: ich pack mir Musik auf die Ohren! Wenn nichts mehr hilft, das hilft immer bei mir. Die Steigung geht über in einen Pfad, es wird schön und jetzt kommt Gefälle. Sanftes Gefälle. Ich laufe, und ich laufe immer befreiter. Mit einem Grinsen und mit „Pushed again“ von den Toten Hosen. Ja das pusht! Ich hatte das letzte Mal dieses Lied beim Sünteltrail im Kopf. Da bin ich nur kurz mitgelaufen. Habe Jan mit seiner Gruppe von Laufkerlen begleitet. Und ich habe sie getrietzt, bin oft vor ihrer Nase her gelaufen, rum gehüpft wie ein junger Hund und sie hatten da schon einen Ultra in den Beinen. Und dann kurz vorm Ende, vor ihrem Ziel, da lief ich neben Dennis, im gleichen Rhythmus, still, selbst schon ein wenig kämpfend und hatte imaginär dieses „Pushed again“ im Kopf. Diese Erinnerung hilft mir jetzt, hier, bei diesem langen schönen Bergabstück und ich pushe mich wieder zurück.
Ich komm‘ mit einem breiten Grinsen in Bad Suderode an. Der letzte große VP vorm Ziel. Von hier sind es nur noch 6 Kilometer. Sechs flache, karge, der Sonnenhitze ausgesetzte Kilometer. Egal. Ich freu mich hier zu sein! Esse, trinke, tausche Lachen und Worte und mach fasst alles an mir nass, mit dem nun nicht mehr kaltem Wasser. Ich würde gerne bei euch hier bleiben aber ich muss weiter.
Ich will anlaufen, bekomm es hin, kann ein paar Meter laufen, der Schmerz ist dann erträglicher aber dann kommt wieder dieses beschissene beklemmende Gefühl in der Brust und ich muss wieder gehen. So bringe ich die letzten 6km hinter mich: Anlaufen, in Rhythmus kommen, Beklemmungen, Gehen. Die Sonne macht mir gerade nichts aus, die Schmerzen sind ertragbar aber diese Beklemmungen, nicht so viel Luft zu bekommen, wie mein Körper will, ja das bestimmt mein Denken.

Ziel
So bin ich versunken in meiner kleinen Welt, bis mir Jan, mein Jan auf dem letzten dieser 69km entgegen kommt. Ich sehe das Stadion und ich lauf zusammen mit ihm ein. Das ist das Größte für mich, heute, hier, erstmal für immer. Ich würde ihn gern an die Hand nehmen aber das geht, mit dem was gerade noch mein Laufen ist, nicht überein. Also laufen wir nebeneinander her. Er strahlt. Er ist diese ganze Strecke, für die ich so verflixt lange brauchte, in einer Bestzeit von 6:35h gelaufen; und nun läuft er neben mir, in Barfußschuhen, als ob er nur ein kleines Trainingsläufchen vorher hatte: Krasser Typ! Mein Typ! Mein Mann!
Ich bin im Ziel, und ich bin im Arsch! Dieter, einer der Organisatoren erwartet mich, hängt mir die Medaille um, kurzer Blick, tief durch die Augen ins Innerste und dann sagt er’s: „Aber du bist es gelaufen!“

Erkenntnis des Tages: Ich bin es gelaufen! Ja, ich kann das! Und ja, ich weiß das! Ja, ich weiß endlich, dass ich das laufen kann, … wenn ich will, auch gegen alle Widrigkeiten!

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Eine Antwort zu Ottonenlauf 3.0 – Heute ist der Lange fällig!

  1. Willi schreibt:

    Maren, du bist Spitze. Wir wissen wie du leiden kannst! Glückwunsch. Leider konnte ich aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Mein Allien im Bauch läßt das nicht mehr zu.
    Anke und Willi

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