Trans Gran Canaria 2015 oder „Das fängt nicht gut an!“

Nach der mittlerweile alljährlich fest eingeplanten Brocken-Challenge, die ich dieses Jahr mit nur einem kleineren Tief zwischen Königskrug und Oderbrück durchlaufen konnte, bin ich frohen Mutes in das neue Lauf-Jahr, mein Jahr des Transalpine Run, gestartet. Die Erfahrung der BC war schon neu, dass ich ausgerechnet gegen Ende eines Laufes noch einmal einen zweiten Schub bekommen habe und die letzten Km, also die bergauf von Oderbrück zum Brocken-Gipfel quasi „hochgesprintet“ bin; diese Tatsache, und das obwohl ich eigentlich immer mein Pulver in der ersten Hälfte eines Rennens verballere und dann den Rest des Rennens den langsamen Tod sterbe, hat mich wirklich extrem gefreut. So ist schon einmal eine neue PB auf der Habenseite zu vermerken. Mit diesem Bewusstsein ging es direkt zu einem meiner Jahres-Highlights, dem Trans GranCanaria Advanced…kann ja gar nichts schiefgehen! Denkste Puppe

TGC, da war doch was!

Ja, letztes Jahr habe ich mich dort an dem 125er versucht, bin nach 13 Kilometern übel gestürzt und hatte einen (weiteren) DNF. Gestürzt bin ich eigentlich nur, weil ich erstens meinte mal schnell eine Abkürzung die Serpentinen herunter nehmen zu können und weil ich mein“ Handicap“ einfach mal ignoriert habe; von der völlig beschlagenen Brille und der verrutschten Stirnlampe „das rücke ich dann unten zurecht wenn ich auch die Brille säubere“ mal abgesehen … saudumm, aber ich kann wohl nur durch Schmerzen lernen. Zumindest wollte ich diese kleine „Niederlage“ ein wenig auswetzen und es sollte der kleinere TGC herhalten (und nur zur Info: der Ganze wird dann im kommenden Jahr abgehakt, nur weil ich Baustellen hasse! Was muss, das muss! Und überhaupt, 20Km der Strecke kenne ich ja schließlich noch nicht und so wie es momentan aussieht wohl auch die letzten 30 nicht mehr 😉 ).

Trans Gran Canaria Advanced 2015

Wie auch schon im vergangenen Jahr fliegen wir am Wochenende vor dem Wettkampf mit ein paar weiteren Freunden auf die Insel, beziehen ein kleines Ferienhaus im Zielort und genießen einfach die Wärme und die kleine willkommene Abwechslung zur kalten BC und deren Vorbereitungsstress.

So ganz ohne Bewegung geht es im Vorfeld eines Laufwettkampfes jedoch auch nicht. Also sind in den Tagen vor dem TGC zwei längere Trainingsläufe eingeplant – Insgesamt sollen so die letzten 50km der Strecke abgelaufen werden, gerade für mich und meine Unsicherheit bzgl. dieses Laufes eine gute Idee, denke ich …

Am zweiten Tag des „Urlaubs“ geht es dann erst einmal mit dem Bus in die Mitte der Insel, nach Tejeda – von hier soll es nach St Bartolome de Tirjana (dem Startpunkt der zweiten Etappe) und mit dem Bus zurück in die Unterkunft, so der Plan, gehen. Ich und Busfahren 😦  es war reine Selbstbeherrschung, dass ich nicht den Bus vollgekotzt habe, aber die Fahrt hätte auch keine Minute länger dauern dürfen.

Aussteigen und los auf die Strecke! Es geht gleich hoch und es ist bei der ungewohnten Wärme von Beginn an nicht so einfach für mich. Bei den anderen Mitläufern läuft es und ich merke, dass ich meine Grippe aber so etwas von überhaupt noch nicht durchgestanden habe. Ich schwitze schneller und doller als normal und pumpe wie ein Käfer, zudem habe ich kaum Kraft in den Beinen. Also bummle ich immer ein wenig hinterher, genieße die Landschaft, den Blick auf die benachbarten Inseln und trotz allem läuft es irgendwie, zumindest bis zum „camino royales“, dem Königsweg. Und hier fängt es sogar an richtig zu „laufen“ …. Immer noch alle voran und ich versuche ein wenig aufzuholen. Auf dem unebenen steinigen Untergrund folgt Schatten, Sonne, Schatten, und es  macht „Bumm“! Die Stöcke knallen auf den Boden und das Knie auf einen spitzen Stein! Ein Haut/ Fleischlappen unter dem Knie sagt mir, dass das gerade alles andere als optimal lief. Ich will aufstehen und mein Kreislauf sagt mir, dass dies eine ganz doofe Idee ist. Ich sitze, bzw. liege da und Aschu, der den Radau wohl mitbekommen hat, kehrt zurück und kümmert sich um mich. Ich werde notdürftig verbunden und nach ein paar Minuten kann ich den letzten KM nach San Bartolomé de Tirajana laufen…. das Knie schwillt sofort an und ich bin am Ende,  Schmerzen, der Kreislauf. Shit!  Dank des schnell von Maren hergezauberten Eises , aus einer Bar vor Ort, bekomme ich den Schmerz allmählich unter Kontrolle und der Kreislauf stabilisiert sich allmählich. DieGedanken über läuferische Unzulänglichkeiten sitzen viel tiefer ….ich und laufen, das passt wohl irgendwie nicht ….Selbstzweifel. Macht so ein Start wirklich Sinn? Machen diese langen Kanten bei einem solchen Untergrund Sinn? Oder ist das alles eine Nummer zu groß und ich will es nicht wahr haben. Irgendwie war mein Selbstbewusstsein ziemlich im Arsch und hier betritt glücklicherweise Detlef die Bühne. Nicht nur, dass er total besorgt war, mich zur Apotheke fuhr und alles Mögliche an Medikamenten anschleppte, war es doch schließlich er, der mir einfach mal klarmachte, dass solche Stürze dazugehören. Was nicht tötet, stärkt dich! Eigentlich nichts neues sondern altbekanntes, aber in manchen Momenten muss mann es einfach einmal hören. Das war gute Arbeit! Dank dir.

Am folgenden Tag, das Knie schmerzt, fahre ich trotzdem mit zum zweiten Trainingslauf nach San Bartolomé de Tirajana – wie ich im Notfall da rauskommen soll, da mache ich mir am besten mal keine Gedanken drüber – wird schon gutgehen. Wohl fühle ich mich nicht und trotzdem gewinne ich mit Voranschreiten der Zeit von irgendwo  Sicherheit den TGC Advanced finishen zu können.  Es geht zu Beginn nur mäßig und unrund; das Knie wird von Stunde zu Stunde besser, zumindest schmerzfrei, insbesondere die Strecke bis zum Downhill nach Arteara lässt mich zumindest eine schmerzfreie Haltung einnehmen. Nun durch die Lavafelder zur Kamelfarm nach Arteara hinunter ist zwar wunderschön, aber auch extrem belastend für die Knie. Irgendwann ist jedoch auch dieser Abschnitt gelaufen und es kommt der wohl langweiligste, die kilometerlange Schotterstraße nach Maspalomas runter. Gerade gegen Ende des Barancos zieht es sich und ich bin dankbar mit Tanja laufen zu können. Alle anderen sind schon kilometerweit voraus gelaufen und alleine hier in dieser Hitze? – „Hallo Taxi“, aber so …. Was muss, das muss.

Dann treffen wir wieder mit den anderen zusammen, die uns eine Erfrischung in Aussicht stellen: nur ein paar Brücken später warten Falk und Andreas mit einem kühlen Bier, herrlich! Wow, alles gut. „Kein Sturz und an das Knie habe ich auch schon lange keinen Gedanken mehr verschwendet“ denk ich noch und just in diesem Moment unter einer der Brücken, schätze ich ein paar der Felsen im Baranco falsch ein und es macht Bumm! Ich liege längs, das linke Knie blutet ein wenig, nicht schlimm, aber der rechte Handballen ist voll im Arsch… fast ein Abbild meines rechten Knies … sauber, was hatte ich noch von Sicherheit gesagt? Die nächsten Tage, also am besten bis zum Start laufe ich wohl besser nicht mehr!

TGC advanced

Gesagt, getan. Nur ein kurzer nächtlicher 10er am Abend zuvor mit Falk, aber ansonsten die Beine stillhalten…besser ist das und dann war er auch schon da, der Tag der „Abrechnung“.

Zu unchristlicher Zeit, also mitten in der Nacht geht es mit dem Bus zum Start nach Fontanales; hier ist es recht frisch, wie wohl immer und überall im Norden der Insel oder zumindest halt frischer als bei uns im Süden, im Zielgebiet. Ein wenig tun mir die Bewohner hier schon leid, mitten in der Nacht Lärm, alles hell erleuchtet und überall urinierende Läufer. Es ist windig und ich bin froh als ich endlich unter dem typisch spanischen Start-Geschrei in die Morgendämmerung entlassen werde.

Der erste Abschnitt bis Tejeda ist technisch nicht besonders schwierig und verlockt dazu, ab und zu einmal die Bremse ein wenig zu lösen. Der Untergrund macht es einem leicht den eigenen Rhythmus zu finden. Im Gegensatz zu dem kargen, trockenem, felsig rauem Süden der Insel, sind hier die kleinen Pfade wunderschön grün und erdig. Die ganze Gegend ist wesentlich grüner, feuchter, einfach wunderschön. Doch auch diese Wege, insbesondere die Downhills verlangen immer wieder meine Aufmerksamkeit, um Stürze zu vermeiden; auch die Erkältungsfolgen mahnen mich ein ruhigeres Tempo anzugehen, und mich nicht an den Anderen zu orientieren.

Zu allem Überfluss gesellt sich zu diesen Erkältungsfolgen dann auch noch der Calima hinzu: der „Bruma Seca“ oder„trockene Nebel“ wie die Canarios diesen Wind, der den feinen Sand aus Afrika auf die kanarischen Inseln hinüberweht, nennen – eigentlich gar nicht aufregend aber auf Dauer doch bemerkbar. So ist die Sicht ein wenig  beeinträchtigt und vom Knirschen der Zähne mal ganz abgesehen, ist es ein wenig unangenehm für die schon belastete Lunge.

Nach kurzer Zeit zerbirst mein rechter Stock – dann muss es halt ohne gehen: Was sind schon ein paar tausend Höhenmeter??? Da brauchst du nicht unbedingt am Stock gehen. Zum Glück kann ich diesen und den heilen Stock Silke in Tejada  in die Hände drücken; sie bestätigt mir auch gleich was ich eigentlich schon weiß „Du siehst aber auch nicht gut aus“ 😉 Sie sagt mir auch, dass die anderen schon länger hier durch sind, bis auf Falk… das wusste ich ja, denn den hatte ich vor ein paar km überholt und er hatte gerade ein kleines Tief. Er wollte mir eine Kante an`s Bein labern, wo es gerade bei mir besser ging, also sorry Falk, du kennst das ja … alles in allem läuft es nun eigentlich gut für mich. Das Wissen, dass ich die Strecke ab hier kenne ist für meinen Kopf wirklich gut, wenn mir auch noch die beiden noch zu passierenden Sturzstellen ein wenig Kopfzerbrechen bereiten.

Und so laufe ich weiter vor mich hin … Pico del Nieves… Stauteich und Treppen … „Vorsicht“, lichte Kiefernwälder … ein kleines Labyrinth … das Camp, der Startplatz des Marathons. Auf durch das kräftige Grün, noch kurz bevor ich  in die Ödnis entlassen werde. Das Wissen, dass meine Maren hier auch gestartet ist, ich sozusagen auf ihren Spuren wandle, beflügelt mich irgendwie, das tut gut! Irgendwie läuft alles ein wenig wie im Film, ohne besondere Vorkommnisse, ohne besondere Erinnerungen…ein paar Fetzen, aber nichts richtig Essentielles und plötzlich, sogar fast direkt an der Stelle meines ersten Sturzes sehe ich Aschu und Andreas, doch wie geht das? Die sind doch bestimmt eine Stunde vor mir???

Fast direkt an der Verpflegung in San Bartolomé laufe ich auf die Beiden auf…dieses Mal ist Aschu gestürzt und Andreas, der die gesamte Nord-Süd-Distanz unter die Hufe genommen hatte, hatte richtig üble Probleme mit dem Magen – und das obwohl er uns bei unserem Start noch mit seiner Bombenzeit überraschte und nun? Invalidengruppe! „Jeder bitte nur ein Kreuz!“ 🙂 aber ein Finish in so einem Kreis? Unbezahlbar! Wohl für uns alle! An der Verpflegung holt Andreas erst einmal ein paar alkoholfreie Biere, das tut gut. Wir sitzen hier ein wenig in der Sonne und irgendwie ist klar, dass wir dieses Abenteuer, diese restlichen Km gemeinsam hinter uns bringen werden.

Es geht weiter und es kommt der Abstieg nach Arteara. Schon von oben kann man die Oase erahnen, doch geht es erst einmal 700 Meter auf einem felsigen schmalen Trail hinunter; bei Dunkelheit mag ich mir das gar nicht vorstellen, aber im Hellen und nun macht es plötzlich Spaß! Laufen lassen, bremsen, laufen lassen. Es macht Spaß, es geht hinunter in den Baranco de Fataga und danach will die lange Schottenpiste Richtung Maspalomas auch noch bezwungen werden – Ist alles bekannt und macht nun trotz mittlerweile angenehmerer Temperaturen nicht so richtig Spaß, aber zumindest mein Körper funktioniert nun. Kurz vor dem Betonwerk, dem letzten VP wird es dunkel. Ich will ins Ziel, ich will meinen Lohn für diesen Lauf – Ich liebe diesen Moment, in dem der Kopf realisiert, dass es geschafft ist, dass etwas neues erreicht ist und eine weitere Grenze verschoben wurde. Und da ist er, der letzte Baranco direkt vor Maspalomas, der letzte Punkt an dem ich gestürzt bin. Also Vorsicht, aber ohne die Lichtwechsel, im alleinigen Schein meiner Stirnlampe ist es ein Kinderspiel …. also nur noch diese Stolpersteine bis zum „Ausstieg“ und dann auf der Touristenmeile hinunter bis zu den Holzbohlen. An der Promenade entlang und Richtung Kongresszentrum …es hätte eigentlich ein schöner Moment werden können, an Leuten mit dem Wissen vorbeizulaufen heute fast die komplette Insel durchlaufen zu haben, während hier ein Cocktail nach dem anderen die Kehle hinunterfloss.

Doch dann kommt ein Punk,t an dem du dich fragst, ob die Veranstalter noch alle Latten am Zaun haben. Die Markierung der Strecke geht links an den Holzbohlen vorbei zum Strand hinunter und ca 500m über den selbigen! Eine Qual zu diesem Zeitpunkt und jeder Läufer kennt wohl Momente wie diese in denen man unentwegt schimpft, sich in Rage quatscht. Und doch ist irgendwann auch diese Hürde überwunden, so schlimm war es dann auch nicht 😉 und wir laufen in Richtung Kongresszentrum … am grünen Zieltor vorbei – Äh??? – Um dann 100m später zu wenden, und wieder auf das Tor zuzulaufen. Gut, wenn es sein muss! Ich freue mich, mit den Beiden zusammen hier einzulaufen und diesen Moment, so wie die letzten Stunden teilen zu können…im Ziel wartet auch Maren und die anderen. Toll! Geschafft! Ein weiteres Puzzleteil in Richtung TAR, geht doch!

 

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Über Ultra Snob

Urteile erst über mich, wenn du mich kennengelernt hast .... alles andere wird wahrscheinlich in Vorurteilen enden - die Grenze zwischen "Arsch" und Freund ist schwammig.
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2 Antworten zu Trans Gran Canaria 2015 oder „Das fängt nicht gut an!“

  1. schalklaeuft schreibt:

    Die optische Wirkung von Licht und Schatten schon vor dem TGC kennenzulernen war wohl doch gar nicht so schlecht.
    Ich laber dir dann eventuell das nächste Mal ne Kante ans Bein. Also nicht beim nächsten TGC, beim übernächsten gemeinsamen Lauf.
    😉

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    • Ultra Snob schreibt:

      Ja eigentlich ist ja hinlänglich bekannt, dass dort wo Licht, meist auch Schatten zu finden ist, aber dass es so umwerfend ist, konnt ja niemand ahnen. Und überhaupt, egal wann und wo, mit dir tratsch ich doch gerne eine Runde 😉

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