Trans Gran Canaria 2016

Eigentlich kann dieses Mal gar nichts schiefgehen, es darf nicht, nicht weiterhin eine offene Rechnung; nicht noch einmal diesen Brocken, diesen Untergrund und technischen Anspruch gleich zu Beginn des Jahres, nur um das Projekt TGC endgültig erfolgreich abzuschließen. Nö, das brauche ich dann doch nicht, auch wenn sich der März auf der Insel garantiert angenehmer anlässt als zuhause im kalten Deutschland.

Dieses Jahr gibt es auch keine Ausreden! Es läuft bis jetzt läuferisch wirklich gut:

So kann ich mit dem kleinen KoBoLT gegen Ende 2015 sogar meinen ersten ü100-Lauf verzeichnen, da ich diesen ja durch geschickte Strecken-Optimierung von 106Km auf 115Km erweitert habe und auch die Brocken-Challenge konnte ich mit einer bombastischen Zeit beenden. Alles schick. Aber noch viel wichtiger als diese ganzen Wettkämpfe ist, dass mein letzter ernsthafter Sturz nun auch genau ein Jahr zurückliegt, um genauer zu sein, bei meinen beiden Vorbereitungsläufen auf der Insel direkt vor dem TGC Advanced. Also eigentlich alles gut! Ich glaube, ich bin zumindest mental zum allersten Mal bereit die 125km in Angriff zu nehmen.


Vorgeplänkel

Die Tage auf der Insel beginnen in alter Tradition mit dem Ablaufen der letzten 50km und somit auch mit dem Erkunden des neuen Streckenabschnitts, dem Abschnitt, den ich teilweise im Dunkeln zurücklegen werde. Da heißt es sich die besten Stolperfallen einzuprägen. Und diese Läufe verlaufen extrem gut für mich, da ich es schaffe mein eigenes Tempo zu laufen oder besser, weil ich zu langsam bin mit den beiden anderen mitzuhalten. Was aber klar wird, ist, dass gerade diese letzten 30km für mich zu einer neuen Herausforderung werden könnten. Wie groß diese Herausforderung sein wird, ahne ich zu diesem Moment glücklicherweise nicht.

Es wird ernst oder wie viel passt in einen einzelnen Menschen hinein?

Die Auswahl der Laufklamotten sowohl für den Lauf als auch für die Bestückung des Drop-Bags ist von einer, für mich eigentlich ungewohnten Nervosität gekennzeichnet. Aber ich habe bis zur Abfahrt um 20 Uhr ja auch nicht Weiteres mehr vor, na ja außer Essen.

„Der Lauf wird schon cool“ versuche ich mir einzureden, „das wird richtig Spaß machen“ … Okay, ich habe Respekt, ziemlich viel sogar. Ich bin unsicher! Mein Körper sagt mir, „hey lass es doch lieber“ und der Kopf denkt sogar ernsthaft drüber nach. Na danke, eigentlich sollte doch gerade der Kopf hier die eigentlich „richtige“ Entscheidung treffen.

Es folgt erst einmal ein erstes ausgiebiges Frühstück. Nach 2 riesigen Brötchen erst einmal gesättigt, folgt, nach einem kurzen Spaziergang auch schon das erste Mittagessen: zwei, drei Hände voll Kartoffeln mit Aioli und eine große Portion Nudeln …ich denke, ich bin erst einmal satt.

Dann mal der nächste Programmunkt: Welche Klamotten denn nun? Kurze Hose ist klar! oder doch lieber ¾? Ne, lieber kurz, wird ja warm, aber was obenrum? Kurz mit Ärmlingen oder lang, was in den Drop-Bag, was in den Rucksack? Also Laufklamotten anziehen, Sachen zusammenpacken, Klamotten ausziehen und andere Sachen zusammenpacken. Kurzum: Falk hebt den Rucksack an und fragt was ich denn alles mitnehme …okay, wohl zu viel. Neue Strategie! Kurz, kurz mit Ärmlingen und ganz dünne Windjacke; dafür nichts Langes in den Rucksack und ausschließlich Gel in den Drop-Bag! Klamotten werden eh überbewertet …los geht`s, ich bin bereit und bloß nichts mehr überdenken und ich könnte dann noch einmal einen kleinen Happen zu mir nehmen. Noch einmal eine gute Portion Nudeln und noch ein Brötchen für die Zeit vor dem Start …

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Kreuzigungsgruppe – Jeder bitte nur ein Kreuz

Auf dem Weg zum Start

Auf geht`s zur Schlachtbank, es ist bald 20 Uhr! Im Bus geht es zum Start und es ist immer wieder ein heftiges Gefühl wenn sich die Bus-Karawane voller Läufer auf die Fahrt nach Agaete macht; dann zieht sich ein Bus-Konvoi im eiligen Tempo über die Auto-Schnellstraße in Richtung Norden. Beim Aussteigen windet es ordentlich, aber es ist schön warm windig und trotzdem lassen wir uns sofort in einem Restaurant nahe des Startbereichs nieder. Nicht über die Dunkelheit nachdenken und bloß nicht über die 125km und die Dunkelheit und vor allem nicht über Stürze, keine Stürze, bloß nicht stürzen. Es entstehen in diesen Moment verdammt viele albern lustige Fotos. Gutes Überspielen der eigenen Nervosität … Ich muss also langsam, ganz langsam los. Bei meinem ersten Versuch über die volle Distanz bin ich nur bis km14 gekommen, also ganz ruhig und so beschließe ich einfach mit Tanja zusammen zu starten und wie sich auch herausstellt einem guten weiteren Haufen der deutschen Starter.

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Dann wieder dieser magische Moment in Agaete. Die ganzen Straßen am Hafen sind voller feiernder Menschen, der Moderator peitscht der Menge ordentlich ein und es trommelt aus allen Ecken. Gänsehaut! Erst runter zum Meer und auf der Hafenmole einchecken. Rechts an der Hafenmauer vorbei, um hinten durch ein Tor direkt auf die Mole geschleust zu werden. Ein Schild trennt hier die sub20h – Läufer von den anderen und so gehen wir gleich nach hinten, nach ganz hinten; auch mal eine Erfahrung und ziemlich schnell ertönt der Startschuss und wir werden unter Getrommel und Lametta auf die Strecke entlassen. Von der Straße geht es ziemlich schnell auf einen Schotterweg und es staut sich an jeder Kehre. Nerv, so etwas mag ich ja nicht so sehr. Doch so habe ich Zeit mal den Blick schweifen zu lassen! Und diese Zeit werde ich in den kommenden Stunden wohl eher weniger haben. Der Lichtlindwurm zieht sich am Hang hoch, zuerst auf einem sandig steinigen breiteren Weg, dann später im Hang auf den Wiesen auf einem schmalen Trail und erstreckt sich über den ganzen Bergrücken…man sind da viele Läufer vor uns! Da erahnt man schon einen riesigen schwarzen Schatten, auf den wir wohl oder übel noch hinauflaufen sollen und dann der Blick zurück auf die Lichter der Stadt, das Meer und die anderen Nachbarinseln und: Man sind da wenig Läufer hinter uns! …. Ich werde innerlich nervös und beschließe eigentlich am 1.VP nach etwas über 2h und 10km, dass das so nicht weitergehen kann, ich muss ein wenig beschleunigen wenn ich ohne Stress mit den Cut-Offs ins Ziel kommen mag. Am VP sehe ich ein letztes Mal Tanja und beginne Fahrt aufzunehmen…

„Auf zu meiner Schlüsselstelle.“ Ich finde in den Lauf hinein. Dieses Mal kein Nebel und eine schöne Strecke, mal schön laufbar und mal technisch anspruchsvoll. Tagsüber vermutlich ein wenig ausgesetzt so aber im Dunkeln funktioniert einfach der Laufapparat, es läuft; und immer wieder das mahnende Erinnern an die Geschwindigkeit. Geht es bergab, leuchte ich ordentlich auf um auch nicht den kleinsten Stolperstein zu übersehen. Geht es hoch, blende ich ab. Wird der Akku reichen für diese Taktik? Habe ich doch nur zwei Akkus für zwei Nächte. Nicht drüber nachdenken. Dieses Mal in der Schlange bleiben und bei kleineren Stauungen lieber warten als die Gerade zwischen den Serpentinwegen wählen, besser ist das. Stauung klingt jetzt nach vielen Mitläufern, ist aber nicht so …ich laufe immer wieder auf kleinere Grüppchen von 3-5 Leuten auf und merke, dass meine Geduld immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Wieso endet dieser Weg hier eigentlich nicht? Es muss doch mal auf diesen breiten Fahrweg gehen, der zur 2.ten Versorgung in Altavista führt, dem Ort, an dem ich vorletztes Jahr ausstieg und ein paar Stündchen auf den Weitertransport auf dem ArXXXkalten Betonboden warten konnte? Und plötzlich bin ich auch schon fast da, nur einen kleinen Hang hoch, und bin da, da wo vor zwei Jahren Schluss war. Ich bilde mir ein, ich hätte jetzt schon eine Wahnsinnsleistung gebracht und muss schmunzeln und über mich selber lachen. „Stimmt“, fast schon alles eingetütet, jetzt das Ganze nur noch ruhig nach Hause schaukeln, die letzten 100km…. Ich mache mal lieber weiter, bevor ich gleich in die Siegerpose verfalle…

Neuland! Zunächst geht es auf einer staubigen Sandstraße weiter und bald auf schmalen Trails wieder in Serpentinen hoch auf den nächsten Berg. Plätze gutmachen. Ich liebe dieses stumpfe steile Berghochsteigen und Hoch ist immer gut, da kann ich energiesparend mit niedrigster Lampenstärke laufen; oben angekommen wunderbar laufbare schmale Trails, die nur nach „Lauf lassen“ schreien. Vor mir immer wieder jedoch Bremsen und ich frage mich warum die das tun…ist es vielleicht hier doch gefährlicher und ich sehe es nur nicht …. okay, kann auch mit deren Stirnfunzeln zusammenhängen. Irgendwann geht es dauerhaft runter …ich gebe zu, es macht Spaß und ja ich bin schneller geworden, ohne an Stürze zu denken und kann das erste Mal meine Anspannung ablegen und ein wenig genießen. „Was ist dat schön“ sagt man da wohl.  Nach einigen kurzen Passagen über Asphalt lande ich schließlich in Arteara. Der VP ist in einer Art Scheune, durch die man durchlaufen muss; überall bibbern Leute in Goldfolie eingehüllt und auch ich merke, dass sich die Kälte ein wenig in den Körper zu fressen beginnt. Die Finger werden rasch kalt und ich entscheide mich für einen Schnellstop – eine Orangenhälfte, zwei Becher Cola, Flaschen auffüllen und weiter… es wird unspektakulär und das Rennen gleitet so an mir vorbei, zumindest kann ich mich jetzt nicht so recht an viel auf diesem Abschnitt in Richtung Fontanales, meinem Startpunkt vom letzten Jahr, erinnern. Ein recht langer Anteil geht über Asphalt und wird teilweise von überholenden oder entgegenkommenden Autos begleitet. „Wie viele Km noch? Wie viele bin ich denn überhaupt schon?“ Ach eigentlich ist es ziemlich egal! Km sind egal, es gibt nur Abschnitte. Keine Abschnitte in km, sondern nur in Untergründen und Profil; es geht hoch, es geht runter oder es ist wellig und somit beides. Leere, völlig sinnbefreites Laufen, Fortbewegen. Ein Fuß vor den anderen. „Wobei?“ Eigentlich geht es schlicht um das Überholen, das Heranziehen an andere Läufer, vielleicht jemanden gleichen Tempos zu finden und sich die Tempoarbeit ein wenig zu erleichtern, zu sparen. Einen Sinn in dem einsamen Laufen finden. Vielleicht geht es auch nur darum nicht alleine durch die Nacht laufen zu müssen. Und es geht um diese Leucht-Markierungen, nicht hier schon ein paar extra Km drehen. Also aufmerksam, versuchen Tempo zu halten, aber keine unnötige Kraft zu verschenken. Und die Strecke, ja die, die habe ich nicht wahrgenommen; da sind einzelne Meter, aber kein längerer Abschnitt gespeichert auf meiner Festplatte. Und doch wird es gerade zum Ende dieses Abschnittes wieder richtig schön, ich werde aus meiner Gedankenlosigkeit gerissen und lande auf einem nadelüberwucherten Waldboden. Es macht Spaß wieder die Kontrolle zu übernehmen und das natürliche Schauspiel zu beobachten. Leider ist es im Downhill dann arg rutschig, aber wenn ich Kindergeburtstag gewollt hätte, dann wäre ich wohl woanders an den Start gegangen. Die Strecke, und der Nebel im Morgengrauen, die Gedanken kehren aus dem „Off“ zurück und der Kopf füllt sich wieder mit Eindrücken, einer dieser Besonderheiten an den Ultraläufen.

Alt bekannte Pfade

Fontanales, 43km und 3700 +hm seit dem Start. Hier ist nun wieder alles bekannt. Die „Advanced“-Läufer sind schon längst weg, der Startbereich wird abgebaut und nur der VP bleibt… es ist nun hell und das Leben beginnt, auch wenn dieser Ort eher den Anschein erweckt als sei das Leben gerade fast komplett gewichen, bzw. weggelaufen. Aber nicht nur hier sondern auch in mir. Auf in Richtung Teror!

Schon nach kurzer Zeit ergibt sich ein kleines Dreier-Grüppchen, von dem jeder von uns seine Stärken hat. Ich ziehe bergauf, der andere auf der Geraden und der Dritte spielt seine Karten im Abwärts aus. Zu Beginn auf den Asphaltteilen dieses Abschnittes geht dies noch ganz gut, doch auf den Trails muss ich wieder aufpassen, dass ich nicht über das eine oder andere Geröll auf dem Boden stolpere. Es geht nun stetig bergab auf kleinen schmalen erdigen Pfaden und immer wieder durch steinige Abstiege gekennzeichnet. Es läuft gerade richtig fluffig, als ich dann nun doch wirklich endgültig mal für große Königstiger raus muss und ich lasse die Beiden ziehen; wäre ja auch zu schön, wenn das Laufen mal so automatisch gehen würde. Doch kurz darauf laufe ich wieder auf und lasse sie an einem steilen Stück für den Rest des Laufes hinter mir. Läuft! Das Ganze hat aber nun so richtig mit Genuss nichts mehr zu tun. Es geht um`s Finishen, da braucht es keinen Genuss.

Schon bald erreiche ich Teror, einen der schönsten VP`s, aber in Angesicht dessen was nun kommt, mache ich mich recht schnell wieder auf den Weg. Lasse mir von Silke noch einmal schnell die noch gefüllten Flaschen auffüllen – danke Silke, dass du mich noch nicht hier auf diese völlig sinnbefreite Aktion aufmerksam gemacht hast. Aufi!

Bisschen anstrengend, das Ganze

Bisschen anstrengend, das Ganze

Jetzt kommt der Teil, den ich schon in der Vorbereitung nicht laufen wollte, da dieser Teil nach Cruz de Tejeda als das eigentlich anstrengendste Stück gilt; erst geht es sehr asphalt- bzw. betonlastig nach oben bis kurz unterhalb des Gipfels und dann auf einem Singletrail den Kamm entlang. Mit dem Blick auf die kommenden, zu belaufenden Hügel und das Grün verabschiedet sich auch mal wieder die Wahrnehmung- es geht hoch und runter und wäre eigentlich schön zu laufen, wenn sich nicht die bis dahin schon zurückgelegte Strecke in den Beinen bemerkbar machen würde. Die Luft ist ein wenig raus. Plötzlich reissen mich die Anfeuerungsrufe aus meiner Gedankenlosigkeit; wie schon so oft erlebe ich es, dass plötzlich und völlig unerwartet einige Angehörige sich an der Strecke aufhalten und die Läufer herzlich anfeuern; so wie hier in dieser feuchten windigen Gegend. Gerade das macht auch die Atmosphäre dieses Laufes aus. Wahnsinn.

Der Punkt an dem sich meine Spur verliert…

Es wird nun trocken, steinig und wir verlassen endgültig den grünen, feuchten, erdigen Boden. Es geht hinab, es wird technisch anspruchsvoller, mit einigen großen Felsbrocken, aber es ist insgesamt recht schnell zu laufen. Doch es gilt nun auch vorsichtiger zu laufen, um nicht an einem der Steine hängen zu bleiben. Irgendwie bekomme ich von der schönen Landschaft nun endgültig nichts mehr mit; Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass ich hier schon einige Male langgelaufen bin. Plötzlich ein weisser Pavillon mitten auf dem Weg und eine nette Frau, die meinen Chip einscannt…stimmt da war doch was. Die Zeit wird schon vor dem VP gestoppt. Mir ist es egal, mit dem Cut-Off habe ich nichts mehr am Hut. Wie lange geht es denn noch bergab? War das immer so? Ich habe keinen Bock mehr und freue mich als ich die ersten Häuser erreiche, doch was ist das? Die haben doch tatsächlich den VP verlegt, ich bin genervt, das Laufen auf Asphalt tut das Übrige. Also noch durch die Stadt hindurch und zu dem eigentlich schön gelegenen VP. Es dröhnt Musik und so werde ich auch an diesem Punkt nicht sehr lange verweilen, sondern nur ein paar Orangen und Getränke zu mir nehmen. Eigentlich zu wenig, aber mein Körper kennt das schon. Wenn er mehr will, dann fordert er das auch ein…hoffentlich. Er fordert ja schließlich auch diesen Lärm hier so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.

Es folgt der längste Anstieg des TGC und landschaftlich wohl der schönste Teil. Nadelwälder und faszinierende Felsformationen, eine stetig karger und steiniger werdende wundervolle Landschaft. Es geht hinauf zum Roque Nublo, dem Wahrzeichen Gran Canarias und Überbleibsel eines einstmals viel höheren Vulkanschlots. Aber irgendwie ist mir nicht nach Landschaft und so fliegen die nächsten Kilometer nur so an mir vorbei; irgendwie möchte ich nur zur nächsten Verpflegung, zum nächsten Punkt meiner Reise. Dieser Punkt, der momentan das Einzige ist woran ich so richtig denken mag. Hier werde ich ein wenig zur Ruhe kommen, mich hinsetzen, etwas essen und mir die ein wenig benötigte Ruhe gönnen.

Garañón, das kleine Paradies  inmitten des lichten Wäldchens befindet sich auf einem Hochplateau mit locker zwischen den Bäumen verteilten Hütten. Die Strecke selbst ist mit Absperrband markiert und es herrscht emsiges Treiben. Also auf in die Verpflegungshütte und wieder probiere ich die Nudeln und wieder schmecken sie nur bedingt. Irgendwie will da nichts so richtig rein, also nur ein paar Kartoffeln, die Gels aus dem  Drop-Bag und wieder los … ein Blick auf die Uhr rät auch ein wenig zur Eile, will ich doch so wenig wie möglich im Dunkeln laufen. Vielleicht doch nicht so viel Ruhe, aber mein ganzer Körper scheint den Lauf jetzt nur noch so schnell wie möglich beenden zu wollen.

Gleich im Anschluß geht es steil bergauf zum höchsten Punkt der Insel dessen letzte Höhenmeter allerdings der militärischen Nutzung vorbehalten bleiben und wäre nicht die Steigung wäre das Laufen hier auf diesem nadelbedeckten weichem Untergrund ein absoluter Traum, eine Wohltat für die Füsse. Doch nach ein klein wenig Kletterei geht es oben im langsamen Laufschritt über die Zeitmessmatte und nach unten. Dieses Mal piept es nicht und die Nummer wird einfach nur auf einem Zettel vermerkt. Was ich hier noch nicht ahne ist, dass ich nun eigentlich offiziell nicht mehr im Rennen bin. Da hatte der liebe Detlef  leider die falsche Nummer weitergegeben, um eine Aufgabe dem Race-Komitee weiterzugeben. Andere machen sich Sorgen, ich genieße; dem entgegen steht vermutlich die Panik Detlefs, der nun eiligst versucht sein Versehen (erfolgreich) wieder zu berichtigen.

Dann wechselt auch schon wieder die Bodenbeschaffenheit! Dominierten bisher Lehm und Fels, so gibt es ab jetzt nur noch Steine. Der Weg der Könige, diese Art Eselkarrenpfad windet sich so weit das Auge reicht die Bergwand hinunter. Man könnte von alpinem „Kopfsteinpflaster“ sprechen. Jeder einzelne Schritt muss mit Bedacht gesetzt werden und es geht runter nach Tunte. Kaum ein Gedanke an meine Stürze vom letzten Jahr, beim vierten Lauf über diese Stelle ist es wohl nur noch Routine. Schon bald erreiche ich den VP. Noch letztes Jahr habe ich mir hier die Zeit für ein spritfreies Bier gegönnt, aber heute will ich nur noch so schnell wie möglich weiter, der Kampf gegen die Dunkelheit geht in die letzte entscheidend Phase. Also den Mund vollgestopft und langsam wieder los.

Die letzte Chance für alle Läufer, die sich bis jetzt noch nichts gebrochen haben

Hoch auf dem Weg bin ich noch guten Mutes, ich unterhalte mich angeregt mit einem Amerikaner und bin ein wenig froh, so weit im Hellen gekommen zu sein. Von hier laufen wir dann nur noch in dem riesigen Canyon bis zum Meer hinab. Erst auf der gut laufbaren Forststrasse und bald rechts runter auf den Pfad und …: dachte ich eben noch, es sei hell? Wir kommen immer tiefer, und die Schlucht wird immer enger. Auch die Sonne wäre noch da, wäre da nicht die aufragende Wand des gegenüber liegenden Kammes, die einen riesigen Schatten wirft. Dies ist gerade auf dem ersten Teil, dem schmalen technischen Pfad hinunter nach Ayaguares; zum Glück ist dieser Weg zur Staumauer nicht allzu weit.  Hier nun rächt sich mal wieder meine ungenügende Vorbereitung auf die einzelnen Streckenabschnitte.  Der Schatten zieht eilig über meine Laufstrecke und die Strecke ist erheblich länger als gedacht. War der helle Untergrund am Tage noch gut, so ist er jetzt in der Dämmerung tückisch. Ein Einschalten der Lampe bringt noch nichts, ich sehe keine Schatten mehr und bin ordentlich geladen. Es ist maximal noch ein Wandern möglich, trotzdem stolpere ich wieder und wieder weil ich aufragende Steinchen übersehe. Das Einzige was ich nicht übersehe sind Taschentücher rechts und links am Weg, Taschentücher mit frischem Blut…okay! Ich bin also nicht der Einzige mit Problemen. Ich bin sauer, stinksauer. Und dann auch noch dieser Umweg zum VP um anschließend den letzten „Berg“ zu erobern.

Ich bin immer noch total angespannt und komme erst am VP wieder ein wenig runter. In mir ist alles angespannt und ich merke wie diese totale Aufmerksamkeit mir unmenschlich viel Energie zieht. Ich muss weiter, ich weiss nicht wie lange ich noch so konzentriert laufen kann. Wie schnell ich so dann letztlich in dem Kiesel übersäten Flussbett sein kann. Keine Ahnung, es ging schnell, auf einmal war ich unten und empfand es als total einfach. Es ist dunkel und dank meiner Lupine kann ich sehr gut sehen. Der Gedanke, das Ganze allmählich im Sack zu haben, beflügelt mich. Aber vorsichtig! Ich weiß hin und wieder nicht, wie ich hier zwischen all den Steinen die Füße setzen soll. Fluchend stolpere ich voran. Danke Orga, ihr habt es mal wieder geschafft, ich bin stinkig und will nur noch fertig werden.

Endlich kündigt die Autobahnunterführung die nahe Stadt an. Doch echte Erlösung ist noch nicht in Sicht. Wir laufen weiter im Barranco, dem trockenen Flussbett, dass mittlerweile gemauert ist. Ich glaube so etwas nennt sich Urban Trail, ist zumindest scheisse! Dann führen Stufen aus dem Fluß heraus, um kurz nach dem letzten VP wieder zurück in den Bach zu leiten.  Ein VP 3 Km vor dem Ziel, großes Kino!

Und dann will es tatsächlich doch noch ein Mitläufer wissen und wir liefern uns bis in Ziel hinein einen ordentlichen Sprint. Also das was man hier noch Sprint nennen kann, aber entgegen den meisten anderen auf der Strecke hier sind wir fast am Fliegen. Und es macht Spaß und ich habe das Gefühl auch so weiterlaufen zu können. Das meinen also die Läufer bei den ganz langen Läufen. Es kommt ein Punkt, da kannst du einfach weiterlaufen. Die letzte Biegung; Maren, die mir entgegen kommt, die anderen aus der Gruppe stehen dort im Ziel und ich biege auf die Zielgerade ein. Ich bin glücklich, die komplette Anspannung fällt ab, ich bin fertig. Mit den Nerven, mit dem Rennen und das auch noch unter 24h. Endlich, endlich ist es geschafft, ich habe die Strecke in Gänze bezwungen. Nie nie wieder!

So war es zumindest damals, in dem einen Moment, aber nun, ein vielleicht noch mal. Die Strecke ist hart, ohne Zweifel, aber irgendwie geil. Wer weiss. Danke Gran Canaria für diese Erfahrung!

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Über Ultra Snob

Urteile erst über mich, wenn du mich kennengelernt hast .... alles andere wird wahrscheinlich in Vorurteilen enden - die Grenze zwischen "Arsch" und Freund ist schwammig.
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Eine Antwort zu Trans Gran Canaria 2016

  1. schalklaeuft schreibt:

    Dnake fürs noch einmal miterleben lassen. Dnake für das nochmalige gedankliche Ablaufen der Strecke, das Erinnern an die vielen schönen Episoden, unsere Testläufe, die wunderschöne gemeinsame Zeit, eingebetet in diesen, deinen Lauf dort auf dieser Insel!
    😉

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