U.TLW – „Königin vom Bayernwald“? Hmm…

Diese Runde um den See fühlt sich doof an, ganz schön doof. Und dabei sind dies gerade erst die ersten Meter von 53km und 2.700 Höhenmeter die da noch folgen sollen. Na ja, meine Beine scheinen heute noch im Bett zu liegen, mein Körper erscheint diese Distanz heute unvorstellbar und mein Kopf dreht gerade am Rad, ist in heller Aufruhr, weil heute nichts so läuft wie es sollte und er schon vorm Startschuss die Kontrolle über die Geschehnisse verloren hat.

Also versuche ich mit zu schwimmen, wie man mir riet: Versuch bis zum Eck, dem ersten Cut Off, im Pulk zu bleiben, dann wirst du wohl auch drin bleiben … im Rennen. Das versuche ich und werde stetig überholt. Der Letzte, besser die Letzte überholt nach ein paar hundert Metern im Wald, im Anstieg zum Eck. Heute fühlt sich alles gar nicht nach Laufen an, hier und heute. Ich steh irgendwie auf der Stelle. Und hol dann doch die Stöcke vom Rucksack: viel zu früh. Und es fühlt sich wie eine Niederlage an. Niederlage, weil ich mir eigentlich zutraue, so einen Anstieg hier hoch zu trippeln, zumindest am Anfang.

Ich bin allein auf dem Weg zum Eck. Hinter mir ist tatsächlich keiner mehr und die vor mir sind auch fast aus meinem Sichtfeld. Eigentlich mag ich diese Einsamkeit beim Laufen, da setze ich mich nicht so mit der Anwesenheit anderer unter Druck. Aber jetzt gerade stresst es mich, dass ich hier, nach nur einstelligen Kilometern nach dem Start, ganz alleine bin … und gegen die Uhr kämpfe. Das kann ja heiter werden. Ich war schon oft ein Schlusslicht aber dass ich einmal schon nach 8km aus dem Lauf genommen werde, weil ich zu langsam bin, dass wäre heute eine Premiere. Das will ich nicht. Das deprimiert mich.

Irgendwann ist es so weit und die beiden Schlussläufer schließen zu mir auf. Wir wechseln ein paar Worte und irgendwie schaffen sie es, dass ich, wir, die Läuferin vor uns einholen. Glücklicherweise komme ich hier ins Laufen. Ich schöpfe etwas Zuversicht und will diesen doofen 1.Cut Off unbedingt schaffen.

Vor mir liegt tatsächlich eine große Lichtung mit ein paar Häusern: das Eck. Und davor noch, da liegt die Zeitmatte. Selbst uns, den letzten zwei Läuferinnen des Feldes wird hier noch zu gejubelt. Am VP halte ich mich nicht lange auf. Die anderen Läufer haben uns noch Wasser, Reisgetränk und etwas Obst (aber keine Orangen) übrig gelassen. Mir reichen ein, zwei Schluck Wasser und weiter geht’s.

Ich bin glücklich, so glücklich. Ich muss nicht schon nach 1,5h raus aus dem Lauf. Das macht mich so froh, so unglaublich froh! Ich glaub, ich strahle über das gesamte Gesicht. Nun dann, auf zum nächsten neuralgischen Punkt, auf zum großen Arber, dem nächsten VP. Bis dahin sind es noch ca. 17/ 18km und ich weiß nicht wie viele 1.000er und positive Höhenmeter zwischen mir hier und dann da liegen werden.  Beim Briefing sagten sie, es ist der längste (und im Metatext auch „einsamste“) Abschnitt. Es könnte dauern, bis man an der nächsten Tankstelle, dem 2.VP ankommt.  Die Schnellen brauchen wohl so an die 2h. Ich werde länger brauchen, definitiv länger … und ich bin voll gespannt darauf.

Ich bin endlich oben, oben aufm Goldsteig. Mein erstes Ziel für heute ist geschafft. Ich saug alles in mich auf. Genieß diese Natur, dieses Wetter, diese Landschaft hier. Ich mag es gerade total, allein zu sein. Es ist so schön, endlich in diesen Lauf hinein zu kommen. Jetzt läuft es auch. Endlich. Die Beine sind wach;  mein Körper ist nun gespannt darauf, wie viele Kilometer er heute packen kann und mein Kopf ist voller Freude und stark motiviert, dass heute hier so weit wie möglich nach vorne zu bringen. Die Systeme laufen also.

Ich laufe am ersten Gipfelkreuz vorbei: Hurra! Eins von so vielen, von Acht glaube ich. Irgendwie hoffe ich, dass ich hier oben auf so eine Art Kamm bleibe, das wäre voll toll. Im Anstieg auf den nächsten Felshaufen sehe ich zwei Läufer sitzen. Im ersten Moment baut es auf: Aha, ich hole auf! Jetzt schon. Als ich näher komme sehe ich, die sehen nicht glücklich aus, die Zwei. Was’n los? Das Wetter? Zu schnell angegangen? Flasche leer? Aufgeben und zum Eck runter? Ach nö! Los kommt! Kommt mit zum großen Arber! Diese Welt hier, diesen Tag, diesen Lauf genießen! Und wenn’s sein muss: dann kann man immer noch raus. Das hat wohl geholfen (… und die Zuckerdröhnung dank eines Sportnahrungsausstatters wohl auch). Ich habe jetzt zwei Verfolger mehr. Mal schauen, wie lange die beiden mich vor sich her laufen lassen.

Der nächste Felshaufen kommt. Es ist unglaublich hier. Ich versuche mir das hier einzuprägen. Doch die Namen der Berge weiß ich nicht, die les ich erst nach dem Lauf nach. Das hier also könnte einer dieser Riegel sein. Ich war zwar letztes Jahr schon mal im Bayrischen Wald aber das es hier auf so langen Strecken, so schön sein kann, das hätte ich im Leben nicht geglaubt. Und von wegen einsam! An den für mich wichtigen Punkten, darf ich allein sein. Aber an den Gipfeln, an anderen wichtigen Punkten, wo es genau richtig ist, da sind andere. Da sind andere Menschen. Menschen, in zivil, nicht in Laufklamotten. Und Menschen mit einem Lächeln in den Augen und so freundlichen, warmen Worten auf den Lippen. Ach was bist du schön Bayernwald! Was genieß ich dich und deine Menschen hier! Ich bin so überwältigt von diesem Zauber. Und ich bin so froh, dass ich hier laufen darf. Hoffentlich geht das heute noch ganz ganz lange so weiter.

Zum Teil muss man den Weg suchen. Durch die Bäume, über voll genadelten Waldboden, auf die Felsen rauf, über die Steinstufen rüber, auf Wurzeln runter, durch abgestorbene Bäume und Büsche, auf die nächsten Felsen, Steinstufen hoch.  Bei einer Stelle, wo die ideale Linie sich nicht gleich zu erkennen gibt, helfen mir freundlich Wanderer. Sie gehen zur Seite, zeigen die beste Spur und feuern an, hier am Schwarzeck. Das ist so geil, das Krackseln hier, sowas mag ich ja. Nur mag ich das auch bei einem Ultra? Das weiß ich noch nicht. Bis jetzt ist alles heil geblieben an mir. Kein Stolpern, kein Vertreten, kein unkontrollierter Bodenkontakt. Ich bin ganz bei mir, konzentriert auf den nächsten, richtigen Schritt und setz den Fuß vorwärts.

Irgendwann hebe ich den Blick mal weg von dem Weg, von dem nächsten Felshaufen vor mir, neben mir, hinter mir, und da öffnet sich vor mir eine wunderbar reizende Heidelandschaft. Ihre Schönheit ist überwältigend, ich glaub im Zauberland zu stehen, mitten drin, sowas ist nicht real, nicht von dieser Welt, so schön ist das hier gerade. Zwischen einzelnen, schmal stämmigen Bäumen, breiten sich niedrige Heidebüsche aus, die nicht alles bedecken, zwischen ihnen gibt es immer mal wieder kleinere oder größere freie, bewieste , bemooste Flecken. Die Sonne taucht diese Landschaft in ein noch schmückenderes, Kontrast verstärkendes Licht. Und mitten durch windet sich der Weg, der Goldsteig, die Streckenführung des UTLW – MEIN Weg.  Ich muss mich zwingen, hier nicht stehen zu bleiben, ich muss mich zwingen hier auf den Weg zu schauen und nicht auf diese unglaubliche Vollkommenheit. Ich wünsche mir, dass dieser Weg, durch diese Landschaft nicht so schnell zu Ende ist. Ich möchte noch so viel mehr von diesem wundervollen Heideblick erhaschen. Ich freu mich, dass es auch bei der nächsten Steigung mit dem  Totholz, der Heide, den Steinen und der schicken Wegführung noch nicht Schluss ist.

Mitten in diesem schönen Bild, im Anstieg zum nächsten Gipfel, leuchtet es blau. Halluzinationen? Ich muss da hin! Mein Weg führt mich direkt dahin. Da steht ein Auto der Bergwacht. Mitten im Heidehang. Da ist nirgends ein annähernd befahrbarer Weg. Wie kommt das hierher? Mit Allrad und irgendeinem tierisch starken Antrieb, sagt der Bergwachtler.  Er macht sich, macht alles Notwendige bereit für eine Notversorgung. Von oben, den Hang den ich hoch muss, kommen drei runter; für einen davon ist unten das Bett schon gerichtet. Einer von uns, von uns Läufern. Er wirkt nicht mehr so stark aber er sieht auch nicht übel zugerichtet aus. Alles Gute dir! Und liebe Bergwachtler, schön das ihr hier seid, für uns da seid: Ein überaus großes herzendes DANKESCHÖN!

Es geht weiter den Anstieg hoch. Ruhiger. Nachdenklicher. Konzentrierter. Oben öffnet sich die nächste Hochebene. Hört das, dies, dieser Liebreiz hier den gar nicht auf? Das ist ja geradezu unanständig, so viel wunderbare Natur. Ich hätte im Traum nicht gedacht, dass der Bayrische Wald, so oft hier geschrien hat, als es um die Verteilung von Naturschönheiten ging. Ich genieße wieder und wieder und immer wieder diesen Blick, diesen Geruch, die Wärme, den sanften Wind auf meiner Haut … und hoffe, dass der nächste Gipfel der kleine Arber ist.

Ist er nicht. Es ist der Enzian. Ein – wie verblüffend – unsäglich ansehnlicher Gipfel, ohne viel Holz, dafür mit umso mehr Wiesen, Büschen und Kleingewächs. Von hier sehe ich den kleinen Arber … und den Großen … sowie den Ab- wie auch wieder Aufstieg zu beiden von ihnen. Puh: Aufi!

Na dann mal los! Die Zeit ist schon knapp. Ich hinke wieder hinterher. Aber ich kann streckenweise einfach nicht schneller. Runter vom Enzian ist krass. Da wird’s steil, wurzelig, alle Aufmerksamkeit fordernd.  Unten treffe  ich den Radfahrer, der die ganze Zeit immer mal wieder um mich, um das Ende des Feldes, um die letzten Läufer drum herum war. Wir tauschen ein paar Worte, er zerstreut meine Bedenken bzgl. Gewitter und Zeit und macht mir Hoffnung, weckt sie wieder in mir, rät mir, mich ran zu halten und verspricht mir dann einen glücklichen Ausgang.

Hoch zum kleinen Arber ist fies. Man sieht den kahl geschlagenen Hang, keinen Weg und hofft, nicht mitten durch den Hang, direkt hoch zu müssen. Doch genau da geht es lang. In der Flanke ohne Schatten spendende Bäume, mit dem Kopf immer im Nacken, den Blick immer nach vorn gerichtet. Hier dreh ich mich um. Such den Blick auf die vergangene, schon belaufene Strecke, versuch die Linie im Geiste nachzuzeichnen, sie zu finden und sehe ganz weit unten, hinten, 2 Läufer. Aha, da sind sie also, die beiden Kaffeetrinker vom Eck. Na, schön dass sie noch da sind aber so weit hinter mir. Ich dreh mich wieder um und mach weiter.

Runter vom kleinen Arber ist schön. Der Blick auf den großen Arber ist düster. Die Wolken werden dunkler, der Anstieg zum großen Arber beginnt. Der ist voll doof, da, auf breiter Forststraße. Aber irgendwann, nach der x-ten Kurve, nachdem man das x-te Rufen von dem x-ten Kind auf den Gipfelfelsen vernommen hat, ist es vorbei … und ich bin oben.

Hier oben sind so viele Menschen. Ich muss mich ankündigen, damit ich ein Schlupfloch durch sie durch finde. Das ist schon a weng Stress. Unten, unterhalb der Seilbahnstation, zwischen den beiden Freiluftterassen der Ausflugslokalitäten, da steht mein VP. Genau richtig. Und er ist voll bestückt. Alles für mich! Er kommt ganz perfekt zum richtigen Zeitpunkt. Meine Blase ist leer, mein Bauch meldet Hunger, meine Stöcke wollen wieder verstaut werden und die Uhr mahnt zum zügigen Weiterlaufen. Der total nette VP-Freiwillige begrüßt mich mit den entschuldigenden Worten, dass das Iso bereits alle ist, er nur noch Wasser hätte. Das ist für mich kein Problem, da ich sowieso nur mein eigenes Iso trinke. Auch mein Bauch will befriedigt werden: Orangen, endlich Orangen! Seit Spanien liebe ich Orangen beim langen Laufen. Sie sind pures Doping für mich. An anderes Obst geh ich nicht ran aber Orangen nehme ich gerne doppelt und dreifach. Vor lauter Vielfalt und gleichzeitiger Scheu kann ich mich nicht entscheiden, was ich mir sonst noch in den Bauch rein schieben soll. Da muss was rein aber gleichzeitig will er dann doch nichts: Was soll ich nur nehmen? Ich steh wie ein Verdurstender vorm Brunnen, die Helfer bieten alles wie höchst professionelle Gastromitarbeiter an und ich entscheid mich dann doch noch. Während die freundliche Dame hinterm Tresen mir meine Tüte mit Studentenfutter füllt, kommen die Besenläufer mit der letzten Läuferin eingelaufen. Wo sind die beiden Kaffeepausenläufer? Keine Ahnung, ich hoffe, es geht ihnen gut, ich hoffe sie haben sich abgemeldet, nicht weiter meine Angelegenheit.  Ich muss weiter.

Der freundliche Radfahrer von vorhin sagte, ich bräuchte nur ca. 1h vom Arber bis zum 2.Cut Off an der Scheiben: Dies halte ich dann doch für sehr optimistisch. Ich habe jetzt noch 1,5h bis zum nächsten Zeitlimit und muss Tempo machen. Vom netten VP Helfer weiß ich, dass es ca. 7km bergab geht. Da sollte ich doch ins Laufen kommen und alles in die Waagschale schmeißen können.

Mit der tickenden Uhr im Kopf lauf ich ihn runter, den 7km Forstwegdownhill. Nach der unglaublich schönen aber auch wahnsinnig anspruchsvollen Strecke vorher, ist dies hier mal eine kleine Entspannung für meine wieder müde gewordenen Beine. Meine Beine sind nicht frisch, könnten in einem anderen Zustand sicherlich schneller aber hier laufen sie zumindest. Und darüber bin ich froh.

Ich lauf und lauf. Werde wacher im Kopf. Dieses Bergab hier will einfach nicht enden. Das ist gut. Das ist schön. Soll es doch so weiter gehen, ewig. Dann schaff ich den Cut Off. Ich bin gehetzt. Ich bin getrieben. Bei mir tickt ‘ne Uhr im Kopf. Ich hör was Rockiges. Komm auf eine Lichtung und seh eine Hütte. Da stehen ein paar Menschen und der Radfahrer, der mir seit Beginn des Laufes immer wieder an neuralgischen Punkten begegnet. Er lächelte mir vor Stunden aufmunternd zu, dass ich den ersten Cut Off schaff. Fand mich in der Wildnis des Goldsteigs wieder und bestätigte mir, dass es heute schön warm war. Er zerstreute schließlich meine Bedenken ob des 2.Cut Offs und eines aufziehenden Gewitters am Anstieg zum kleinen Arber. Und jetzt steht er hier, am Brennes … und macht mir Feuer unterm Arsch: „Los lauf! Zeit einhalten und ja, das Gewitter kommt!“ Lächeln, Wärme spüren und weiter, nur nicht nachlassen.

Noch weit in den Wald hinein, nach der Hütte am Brennes, hör ich die Musik. Es ist Queen, ganz pathetisch. Aus einem blechern klingendem Autoradio. Aber  ich mag es. Ich genieß es hier. Es trägt mich weiter und weiter.

Es fühlt sich an, als ob ich schon ewig so laufe. Die Meter gehen, laufen so dahin, ich bin schon wohl schon irgendwo bei den 30er Kilometern, die Zeit wird immer enger und der Anstieg will und will nicht kommen. Gut so, dann kann ich immer noch laufen um schneller am 2.Cut Off zu sein.

Der Downhill ist zu Ende. Ein richtiger Anstieg ist nicht wirklich in Sicht. Also weiter, immer weiter! Ich bin schon ewig unterwegs. Mir rinnt die Zeit weg. Ich muss mich beeilen. Wo ist dieses doofe Scheiben?! Das müsste doch schon längst in Sichtweite kommen. Ich bin schon bei km34, bin drüber hinweg und vom VP überhaupt kein Anzeichen. Das wird knapp. Ich bin total auf km34 und dass sich dort der 2.Cut Off befindet, gepolt. Jetzt komm ich zwar an so einen Einsiedlerhof namens Scheiben vorbei aber hier ist keine Zeitmessmatte und Co. Ich könnt heulen! Das wird eng.  Also, alles noch mal raus holen und los. Ich höre die Straße, irgendwo da muss es sein. Ich bieg ein, in einen ansteigenden Feldweg, vor lauter Hetze bin ich irgendwie deprimiert. Passiere die Matte und hoffe, dass es reicht.

Der Zeitnehmer kann mir nicht helfen, schickt mich rüber, über die Straße, zum VP. Da sind noch einige. Zwar mehr Helfer als Läufer aber da sind dennoch Läufer, andere Läufer neben mir. Mir wird alles Mögliche angeboten:  Leberkässemmel, veganer Kuchen, leckerer Kuchen, Obst, Orangen, süßes Zeugs, herzhaftes Zeugs, Cola, Iso usw. Viele sind da und kümmern sich um mich. Aber keiner von ihnen kann mir helfen: Darf ich jetzt weiter oder muss ich hier aussteigen?  Ich seh „meinen“ Radfahrer und sprech ihn an. Aber auch er kann mir nicht wirklich helfen. Keiner nimmt mir die Nummer ab, keiner schickt mich in den bereit stehenden Bus. Eigentlich könnte ich hier weiter laufen, dass würde niemanden interessieren. Also war ich vlt. doch noch gerade so im Zeitfenster und darf weiter? Einer sagt mir, wenn du dich gut fühlst, dem gewachsen fühlst was noch kommt, dann lauf doch weiter, nur für dich. Er spricht das aus, was sich bei mir schon als wachsende Idee, als unumstößliche Motivation immer stärker entwickelt hat. Ja, so ist es, so mach ich es! Und ich zieh ab.

Ich bin so glücklich, dass ich weiter darf. Das ist so schön. Da interessiert mich jetzt nicht, wann ich ankomm, ich weiß nur, ich werde ankommen. Nur für mich, für mich ganz alleine, werde ich diesen Lauf hier beenden, egal was dann in der Ergebnisstabelle steht.

Ich bin so benebelt von meinem Glück, dass ich das immer stärker werdende Grollen des Gewitters nicht so wirklich wahrnehme. Ich bin so im Glück, dass ich die Streckenänderung auch nicht wirklich sehe. Irgendwo hätte es rechts ab gemusst, da war ein Schild, zum Zwercheck hoch. Also zurück. Doch da versperrt ein Bergwachtwagen den Weg hoch. Ich werde geradeaus, immer den Feldweg geradeaus weiter geschickt .Ich darf nicht auf’s Zwercheck hoch, da dort oben jetzt gerade genau das Gewitter tobt, welches sich bereits im Aufstieg zum Großen Arber ankündigte. Auf meinem weiteren Weg kommen mir Helfer entgegen mit Läufern, die zurück zum eben passierten VP gehen. Die kommen wohl aus der Gewitterregion rund ums Zwercheck. Was werden die wohl erlebt haben?! Nicht weiter darüber nachdenken und mach weiter auf deinem Weg, auf dem Weg Richtung Ziel.

Die Waldautobahn zieht und zieht sich. Hier sind auch andere unterwegs. Endlich sehe ich wieder andere Läufer, Läufer die auch in meine, in die richtige Richtung laufen. Also bin ich immer noch richtig. Irgendwann geht es runter vom Weg und rauf in einen Pfad. Ein Pfad mit Wurzeln, Steinen, Stufen und Anstieg. Hier geht’s hoch, hoch zum Osser. Endlich! Endlich der letzte Anstieg. Nie habe ich mich so über einen Anstieg gefreut. Ich steig immer weiter, hoch, hoch, immer weiter … und hab dabei ein Lächeln im Gesicht. Das wollte ich! Dem Großen Osser von der anderen Seite entgegen gehen. Das treibt mich an, treibt mich hier hoch. Ein Schritt vor den anderen. Vor mir ein anderer Läufer. Er bleibt stehen, immer wieder. Und ich komm näher, immer näher. Krieg ich den tatsächlich? Hier auf den letzten Abschnitt hoch? Überhol ich da tatsächlich doch noch? Ich zieh an ihm vorbei … und er bleibt dran. Quatscht mich an, voll, und dabei ist mir jetzt doch gar nicht so nach kurzweiliger Unterhaltung zumute. Ich werde ihn nicht los und beschränke mich so lange auf einsilbige Antworten.

Oben! Ich muss kurz durchatmen, es genießen und mich freuen. Ab jetzt geht’s nur noch runter. Als erstes zum letzten VP, dem Party VP. Die feiern da schon, laden alle ein. Ich will nicht viel, bekomm aber doch den besten Zuspruch und werd mit einem Sack voll Motivation weiter geschickt. Ab hier sind wir eine kleine Gruppe: 3 Läufer plus 2 Bremsläufer plus 2 Begleiter. Zusammen ziehen wir  runter, dem schönsten Downhill aber auch Knochen brechendensten  Abstieg hinab. Ich genieße das, das Laufen mit anderen hier, jeder ist mal vorn, jeder ist mal hinten. Wir spielen miteinander und mit dem Pfad. Das macht Spaß, auch wenn es nicht so schnell läuft wie gedacht: Steinblöcke gepaart mit Wurzeln, feuchter Wiesenhang mit unsichtbaren Hückeln und Löchern, Felsgrat, mit Tannennadeln bedeckt und in Schräglage. Und dann kommt er, die so gerühmte Tromsö-Homage, ok dass könnte leicht schwierig werden, doch das Seil hilft einem hoch und weiter geht es, den Bergrücken bergab.Das ist dann doch schon anstrengender und dauert auch viel länger, als ich es gedacht hätte. Anstrengend ist hier mehr die Konzentration als das Laufen an und für sich. So lange habe ich für 7km bergab noch nicht gebraucht. Aber ich bin froh als mich der Wald endlich ausspuckt, ohne das ich mit der Nase den Boden geküsst habe.

Jetzt kann es nicht mehr weit sein. Und so ist es. Da kommt er mir entgegen, mein Jan! Strahlt mich an, läuft voraus und zeigt mir den Einlauf in den Zielkanal – so so schön. Da In der Kurve stehen sie alle, meine Freunde und klatschen mich ab und beklatschen mich. Ich biege ein, lauf auf den roten Teppich, das  Ziel ist noch offen. Das Tor ist passiert, ich bekomme tatsächlich noch die Holzmedaille umgehängt und gehöre ab nun dazu, ich gehöre tatsächlich zu den „Königen des Bayernwaldes“.

Heute war dann doch nicht der Tag für eine Niederlage … auch wenn es  stark danach aussah.

 

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2 Antworten zu U.TLW – „Königin vom Bayernwald“? Hmm…

  1. runningmom2709 schreibt:

    Absolut klasse, Maren! Was für ein toller Bericht! Hab viel geschmunzelt, aber auch sehr mitgelitten und mitgefiebert… das Gefühl, den Cutoffs hinterher zu laufen, kenn ich leider auch nur zu gut! Andererseits hat man ja auch nur am Ende des Feldes dieses Gefühl alleine mit sich und der Natur zu sein. 😉 Und was für ein perfektes Ende für so einen Lauf! So schön! Chapeau, Frau Königin! 🙂

    Gefällt 1 Person

    • flyingjaren schreibt:

      Liebe Katja, dank dir für dieses tolle Kompliment! Und ja, hinten ist es schon auch schön im Feld, wenn da nur nicht diese blöden Richtzeiten gäbe. Ich wünsche dir für dein nächstes Abenteuer, dass du nie am Cut Off schrabbelst und ganz fantastische eindrücke erleben darfst. (Und bitte nenn mich doch nicht „Königin“. 😉 )

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